Das Massaker von Wounded Knee 1890 markiert einen der dunkelsten Punkte in der Geschichte der Vereinigten Staaten und der indigenen Völker Nordamerikas. Am 29. Dezember 1890 tötete die US-Armee am Wounded Knee Creek in South Dakota Hunderte von wehrlosen Lakota, darunter Frauen und Kinder. Dieses Ereignis gilt vielen als die letzte große militärische Auseinandersetzung der sogenannten Indianerkriege und als ein Symbol für das Leid der indigenen Bevölkerung. Es hinterließ tiefe Wunden, deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind und die 1973 zu einer erneuten Besetzung des Ortes durch Aktivisten der American Indian Movement (AIM) führten.
- Das Massaker fand am 29. Dezember 1890 in South Dakota statt.
- Die 7. US-Kavallerie war an der Tötung von 250 bis 300 Lakota beteiligt.
- Die Gruppe unter Häuptling Big Foot wurde entwaffnet, bevor das Massaker begann.
- Der sogenannte Geistertanz wurde von Regierungsbeamten als Bedrohung wahrgenommen.
- Wounded Knee gilt als das Ende der größeren Indianerkriege in den USA.
- 1973 wurde der Ort von der American Indian Movement (AIM) 71 Tage lang besetzt.
Was ist Wounded Knee 1890?

Wounded Knee 1890 bezieht sich auf das Massaker, das sich am 29. Dezember 1890 am Wounded Knee Creek in South Dakota ereignete. Dabei töteten Soldaten der 7. US-Kavallerie zwischen 250 und 300 Lakota-Indianer, darunter viele Frauen und Kinder. Dieses Ereignis wird weithin als die letzte große militärische Konfrontation der Indianerkriege in den Vereinigten Staaten angesehen und steht symbolisch für die gewaltsame Unterdrückung der indigenen Bevölkerung. Es ist ein zentraler Bezugspunkt für das historische Trauma der Lakota und der gesamten indigenen Gemeinschaft.
Die Vorgeschichte: Der Geistertanz und die Angst der Siedler

Die Ereignisse am Wounded Knee 1890 waren das tragische Ergebnis einer langen Kette von Konflikten, gebrochenen Verträgen und der systematischen Verdrängung der indigenen Völker. In den späten 1880er-Jahren breitete sich unter den Lakota und anderen Präriestämmen der sogenannte Geistertanz (Ghost Dance) aus. Diese spirituelle Bewegung, initiiert vom Paiute-Propheten Wovoka, versprach eine Wiederbelebung der traditionellen Lebensweise, die Rückkehr der Büffel und das Verschwinden der weißen Siedler durch einen göttlichen Eingriff. Die Tänzer trugen oft spezielle Geistertanzhemden, von denen sie glaubten, dass sie sie vor Kugeln schützen würden. Für die Lakota war der Geistertanz eine friedliche Form des Widerstands und der spirituellen Erneuerung in einer Zeit extremer Not, gekennzeichnet durch Hunger, Armut und den Verlust ihres Landes.
Weiße Siedler und Regierungsbeamte hingegen interpretierten den Geistertanz als gefährlichen Aufstand und eine Bedrohung ihrer Kontrolle. Die Angst vor einem „Indianeraufstand“ wurde geschürt, und die Medien trugen dazu bei, ein verzerrtes Bild der Bewegung zu zeichnen. Die US-Regierung sah in dem Tanz eine direkte Verletzung des Verbots indigener religiöser Praktiken und eine potenzielle Gefahr für die öffentliche Ordnung. Diese eskalierende Paranoia führte zu einer erhöhten militärischen Präsenz in den Reservaten, die letztlich in der Katastrophe von Wounded Knee 1890 mündete.
Die Rolle von Chief Big Foot und der 7. Kavallerie

Chief Big Foot (Lakota: Spotted Elk) war Häuptling einer Lakota-Band, die im Cheyenne River Reservat lebte. Er war bekannt für seine Bemühungen, den Frieden zu wahren und seine Leute durch schwierige Zeiten zu führen. Als sich die Spannungen wegen des Geistertanzes verschärften und die Lakota zunehmend unter Druck gerieten, beschloss Big Foot, seine Gruppe in Richtung der Pine Ridge Reservation zu führen, um dort Schutz bei Chief Red Cloud zu suchen. Big Foots Leute, darunter viele Frauen, Kinder und ältere Menschen, waren krank und unterernährt.
Am 28. Dezember 1890 wurde Big Foots Band von Einheiten der 7. US-Kavallerie abgefangen. Die 7. Kavallerie war die gleiche Einheit, die 14 Jahre zuvor in der Schlacht am Little Bighorn eine vernichtende Niederlage erlitten hatte, und viele ihrer Soldaten hegten einen starken Groll gegen die Lakota. Die Lakota wurden gezwungen, ihr Lager am Wounded Knee Creek aufzuschlagen. Am nächsten Morgen, dem 29. Dezember, befahl Colonel James W. Forsyth, dass die Lakota ihre Waffen abgeben sollten. Während dieser Entwaffnungsaktion kam es zu einem Zwischenfall, der das Massaker auslöste.
Der Tag des Massakers: 29. Dezember 1890
Am Morgen des 29. Dezember 1890 umstellten die Soldaten der 7. Kavallerie das Lager der Lakota am Wounded Knee Creek. Sie forderten die Herausgabe aller Waffen. Die Lakota-Männer, Frauen und Kinder waren bereits von vier Hotchkiss-Geschützen umzingelt, die auf einer Anhöhe positioniert waren. Während der angespannten Entwaffnung weigerte sich ein tauber Lakota namens Black Coyote, sein Gewehr abzugeben, da er die Befehle nicht verstand. Im Handgemenge löste sich ein Schuss – ob absichtlich oder versehentlich, ist bis heute umstritten. Dieser einzelne Schuss löste eine Kettenreaktion aus.
Die Soldaten eröffneten sofort das Feuer mit ihren Gewehren und den Hotchkiss-Geschützen. Das Resultat war ein wahlloses Gemetzel. Die Lakota, die meisten von ihnen unbewaffnet oder nur mit wenigen Waffen ausgestattet, hatten keine Chance. Männer, Frauen und Kinder wurden niedergemäht, als sie versuchten zu fliehen. Viele Leichen wurden später in einem Massengrab verscharrt. Das Massaker dauerte nur wenige Minuten, aber seine Auswirkungen waren verheerend und prägten das Bild der Indianerkriege nachhaltig. Die Brutalität dieses Tages wurde von Augenzeugen, darunter auch einige Soldaten, als unverhältnismäßig beschrieben.
Die Opferzahlen und Kontroversen
Die genauen Opferzahlen des Massakers von Wounded Knee 1890 variieren leicht in historischen Berichten, liegen aber im Bereich von 250 bis 300 getöteten Lakota. Darunter befanden sich schätzungsweise 150 bis 200 Frauen und Kinder. Die US-Armee verzeichnete 25 tote und 39 verwundete Soldaten, viele davon durch Friendly Fire. Die Kontroversen um Wounded Knee halten bis heute an. Die US-Armee bezeichnete das Ereignis lange Zeit als „Schlacht von Wounded Knee“ und verlieh 20 Soldaten die Medal of Honor für ihre Beteiligung – eine Auszeichnung, die von indigenen Aktivisten und Historikern scharf kritisiert wird, da sie ein Massaker als Heldentat verherrlicht.
Historiker wie Dee Brown in seinem Werk „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ haben die offizielle Darstellung in Frage gestellt und das Ereignis klar als Massaker eingeordnet. Die Verleihung der Medals of Honor wird von vielen als Skandal betrachtet, da die Soldaten für die Tötung unbewaffneter Zivilisten ausgezeichnet wurden. Es gab wiederholte Forderungen, diese Auszeichnungen posthum zu widerrufen, was jedoch bis heute nicht geschehen ist. Diese anhaltende Weigerung trägt zur Bitterkeit und zum Gefühl der Ungerechtigkeit innerhalb der indigenen Gemeinschaften bei und ist ein zentraler Punkt in der Diskussion um die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit.
📜 Forschung und Einordnung
Das Massaker von Wounded Knee 1890 ist ein zentrales Ereignis in der Aufarbeitung der Geschichte der indigenen Völker Nordamerikas. Die Forschung befasst sich mit den Ursachen, dem Verlauf und den lang anhaltenden Auswirkungen dieses Traumas.
Die Forschung zu Wounded Knee 1890 ist durch eine zunehmende Einbeziehung indigener Perspektiven geprägt. Offene Fragen betreffen oft die genaue Rekonstruktion der Ereignisse vor dem ersten Schuss und die individuellen Verantwortlichkeiten, da viele Zeugenaussagen im Kontext der damaligen Zeit entstanden und verzerrt sein könnten.
Die Nachwirkungen und symbolische Bedeutung
Das Massaker von Wounded Knee 1890 hatte weitreichende und langanhaltende Folgen für die Lakota und alle indigenen Völker Nordamerikas. Es markierte nicht nur das Ende der großen Indianerkriege, sondern festigte auch die US-Regierungspolitik der Assimilation und Unterdrückung. Die Lakota verloren weitere Teile ihres Landes, wurden in Reservaten isoliert und ihre kulturellen und religiösen Praktiken wurden verboten. Die Erinnerung an Wounded Knee wurde zu einem tief sitzenden Trauma, das über Generationen weitergegeben wurde und bis heute in den Communities spürbar ist.
Wounded Knee entwickelte sich zu einem mächtigen Symbol für den Widerstand und das Überleben der indigenen Völker. Es steht für das Unrecht, das ihnen angetan wurde, aber auch für ihre Fähigkeit, trotz allem ihre Identität und Kultur zu bewahren. Für viele indigene Aktivisten ist Wounded Knee nicht nur ein historischer Ort, sondern ein Mahnmal für den anhaltenden Kampf um Souveränität, Gerechtigkeit und die Anerkennung ihrer Rechte. Diese symbolische Bedeutung manifestierte sich Jahrzehnte später in einer neuen Form des Protests.
Die Besetzung von Wounded Knee 1973 durch AIM
Im Februar 1973 erlangte Wounded Knee erneut weltweite Aufmerksamkeit, als Aktivisten des American Indian Movement (AIM) den Ort besetzten. Die Besetzung von Wounded Knee 1973 war eine Reaktion auf die fortgesetzte Misshandlung indigener Völker, die Korruption innerhalb der Stammesregierung der Oglala Lakota und die gebrochenen Verträge der US-Regierung. Rund 200 bewaffnete AIM-Mitglieder und Oglala-Lakota besetzten die historische Stätte und hielten sie 71 Tage lang gegen die Belagerung durch US-Marshals und FBI-Agenten.
Während der Belagerung kam es zu Schusswechseln, und zwei Lakota-Aktivisten wurden getötet. Die Besetzung von Wounded Knee 1973 war ein dramatischer Akt des Widerstands, der die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Forderungen der indigenen Völker lenkte. Obwohl die unmittelbaren Ziele der Besetzung nicht vollständig erreicht wurden, trug sie maßgeblich dazu bei, die indigene Rechtebewegung zu stärken und das Bewusstsein für die historischen und gegenwärtigen Ungerechtigkeiten zu schärfen. Wounded Knee bleibt somit ein zentraler Ort der Erinnerung und des Protests, der die Geschichte der indigenen Völker Nordamerikas nachhaltig prägt.
🏁 Fazit: Wounded Knee 1890 als ewiges Mahnmal
Das Massaker von Wounded Knee 1890 ist mehr als nur ein tragisches Ereignis in den Geschichtsbüchern; es ist ein lebendiges Mahnmal für das Leid und den unermüdlichen Kampf der indigenen Völker Nordamerikas. Die Erinnerung an die getöteten Lakota, die unter dem Vorwand des Geistertanzes massakriert wurden, hallt bis heute nach. Wounded Knee 1890 symbolisiert nicht nur das Ende einer Ära der Gewalt, sondern auch den Beginn eines neuen Bewusstseins für die Rechte und die Souveränität der First Nations. Die Besetzung durch AIM im Jahr 1973 unterstreicht, dass der Kampf um Gerechtigkeit und Anerkennung ein fortwährender ist. Es ist ein Ort, der uns daran erinnert, die Geschichte aus allen Perspektiven zu betrachten und die Stimmen derer zu hören, die lange Zeit zum Schweigen gebracht wurden.
Häufige Fragen
Was war der Auslöser für das Massaker von Wounded Knee 1890?
Der unmittelbare Auslöser für das Massaker von Wounded Knee 1890 war ein Zwischenfall während der Entwaffnung der Lakota-Band von Chief Big Foot durch die 7. US-Kavallerie. Während dieser angespannten Situation löste sich ein Schuss, dessen Ursache bis heute ungeklärt ist. Dieser Schuss führte dazu, dass die Soldaten das Feuer auf die größtenteils unbewaffneten Lakota-Männer, Frauen und Kinder eröffneten. Die übergeordnete Ursache war die Angst der US-Regierung und der weißen Siedler vor dem sogenannten Geistertanz, den sie als gefährlichen Aufstand interpretierten.
Wer war Chief Big Foot im Kontext von Wounded Knee 1890?
Chief Big Foot, auch bekannt als Spotted Elk, war der Häuptling einer Lakota-Band, die am Massaker von Wounded Knee 1890 beteiligt war. Er war bekannt für seine Bemühungen, den Frieden zu bewahren und seine Leute zu schützen. Als die Spannungen aufgrund des Geistertanzes eskalierten, versuchte Big Foot, seine kranke und unterernährte Gruppe in die Pine Ridge Reservation zu führen, um dort Schutz zu suchen. Seine Band wurde jedoch von der 7. US-Kavallerie abgefangen und zum Lager am Wounded Knee Creek gezwungen, wo sich das Massaker ereignete. Er selbst wurde bei den ersten Schüssen getötet.
Warum ist Wounded Knee 1890 als „Massaker“ und nicht als „Schlacht“ bekannt?
Die Bezeichnung als „Massaker“ anstelle von „Schlacht“ für die Ereignisse von Wounded Knee 1890 ist entscheidend, um die Natur der Gewalt zu beschreiben. Eine Schlacht impliziert einen Kampf zwischen zwei bewaffneten und gleichwertigen Parteien. In Wounded Knee waren die Lakota jedoch größtenteils entwaffnet und von überlegenen militärischen Kräften umzingelt, die mit Hotchkiss-Geschützen ausgerüstet waren. Die Tötung von Hunderten unbewaffneter Frauen, Kinder und älterer Menschen, die nicht aktiv am Kampf teilnahmen, erfüllt die Kriterien eines Massakers. Indigene Aktivisten und Historiker haben diese Umdeutung maßgeblich vorangetrieben.
Welche Rolle spielte der Geistertanz bei den Ereignissen vor Wounded Knee 1890?
Der Geistertanz war eine spirituelle und religiöse Bewegung unter den Lakota und anderen Präriestämmen in den späten 1880er-Jahren. Er versprach eine spirituelle Erneuerung und das Ende der Unterdrückung durch die weißen Siedler. Für die indigenen Völker war er eine friedliche Ausdrucksform der Hoffnung in einer verzweifelten Lage. Die US-Regierung und die weißen Siedler interpretierten den Geistertanz jedoch als militärischen Aufstand und eine Bedrohung ihrer Herrschaft. Diese Fehlinterpretation führte zu einer erhöhten militärischen Präsenz und einer aggressiven Politik, die letztlich das Massaker von Wounded Knee 1890 begünstigte.
Welche Bedeutung hat Wounded Knee heute für die indigenen Völker?
Für die indigenen Völker Nordamerikas hat Wounded Knee 1890 eine tiefe und vielschichtige Bedeutung. Es ist ein Symbol für das historische Trauma, das ihnen durch die Kolonialisierung und die Indianerkriege zugefügt wurde. Gleichzeitig ist es ein Ort des Widerstands und des Überlebens. Die Besetzung durch die American Indian Movement (AIM) im Jahr 1973 unterstreicht seine fortwährende Relevanz als Mahnmal für den Kampf um indigene Rechte, Souveränität und die Anerkennung der eigenen Geschichte. Wounded Knee steht für die kollektive Erinnerung an Unrecht und den anhaltenden Kampf um Gerechtigkeit.
Quellen & Literatur
- Wikipedia: Massaker von Wounded Knee
- Deutschlandfunk: Massaker vor 125 Jahren – 300 tote Indianer am Wounded Knee
- SWR: US-Soldaten massakrieren Ureinwohner am Wounded Knee
- Library of Congress: Disaster at Wounded Knee
- Brown, Dee. Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses. Knaur, 1972.
🌳 Über den Autor: Tobias Klamm – Redaktion · Indigene Gegenwart
Wer sich mit der Geschichte der indigenen Völker Nordamerikas beschäftigt, stößt unweigerlich auf Orte wie Wounded Knee. Die Quellenlage zu diesem Massaker ist komplex, da sie militärische Berichte mit den mündlichen Überlieferungen der Lakota in Einklang bringen muss, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Die anhaltenden Forderungen nach dem Widerruf der Medals of Honor zeigen, dass die Aufarbeitung von Wounded Knee 1890 noch lange nicht abgeschlossen ist und die Erinnerung an dieses Trauma in den Communities sehr lebendig ist.
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