Andenraum

Machu Picchu: Geschichte einer Inka-Stadt zwischen Mythos und Forschung

Königliche Residenz, religiöses Zentrum, Verwaltungssitz – die Stätte ist mehr als ein Postkartenmotiv.

Antwort in Kürze

Machu Picchu wurde um 1450 unter dem Inka-Herrscher Pachacutec als königlicher Landsitz und religiöses Zentrum erbaut. Die Anlage liegt auf 2430 Metern Höhe in den Ostanden Perus. Die Stätte wurde 1911 dem amerikanischen Geschichtsforscher Hiram Bingham gezeigt – lokalen Bauern war sie längst bekannt. Seit 1983 ist sie UNESCO-Weltkulturerbe.

Bau unter Pachacutec

Die archäologische und historische Forschung datiert den Bau von Machu Picchu in die Regierungszeit des Inka-Herrschers Pachacutec (ca. 1438–1471). Pachacutec war der entscheidende Architekt des Inka-Reichs Tawantinsuyu: Unter ihm dehnte sich der Staat von einem regionalen Königtum zur größten politischen Einheit des präkolumbischen Amerikas aus.

Die Anlage entstand auf einem Bergsattel zwischen den Gipfeln Machu Picchu und Huayna Picchu. Die Lage war strategisch wie kosmologisch gewählt: Das umgebende Bergpanorama, der heilige Fluss Urubamba in der Tiefe und die Sichtachsen zu mehreren wichtigen Apus (Bergherren) machen den Ort zu einem religiös aufgeladenen Raum.

Funktion und Nutzung

Lange galt Machu Picchu als geheime Festung oder gar als letzter Rückzugsort der Inka. Die heute herrschende Lehrmeinung ist eine andere: Es handelte sich vermutlich um eine königliche Hacienda – einen Landsitz, der dem Herrscher Pachacutec und seiner Familie persönlich gehörte. Solche Privatresidenzen waren in der Inka-Elite üblich und blieben über den Tod des Herrschers hinaus im Familienbesitz.

Daneben hatte Machu Picchu deutlich religiöse Funktionen. Der Sonnentempel, der Intihuatana-Stein und mehrere Gebäude mit präziser astronomischer Ausrichtung belegen eine zeremonielle Nutzung. Die Anlage war über das Inka-Wegenetz (Qhapaq Ñan) angebunden, beherbergte aber zu keiner Zeit eine Großbevölkerung – Schätzungen sprechen von 500 bis 1000 ständigen Bewohnern.

Bauweise und Materialien

Die Mauern Machu Picchus zeigen alle Charakteristika der Inka-Steinbearbeitung. Granitblöcke aus dem nahen Steinbruch wurden ohne Mörtel passgenau verbaut, oft polygonal, manchmal in präzisen Quadern. Die Steinverbindungen sind so eng, dass selbst dünne Klingen kaum dazwischen passen. Erdbebensicher ist diese Bauweise, weil die Blöcke bei Erschütterungen leicht „tanzen“ können, ohne zu reißen.

Die Terrassen, die den Hang umgürten, dienten Landwirtschaft und Bodenstabilisierung. Aktuelle Untersuchungen haben gezeigt, dass darunter ausgeklügelte Drainagesysteme verlaufen, die selbst extreme Regenfälle ableiten – ein Grund, warum die Anlage trotz Tropenklima bis heute weitgehend stabil ist.

Aufgabe und Wiederentdeckung

Spätestens mit der spanischen Eroberung verlor Machu Picchu seine Funktion. Es liegt jenseits der Hauptachsen der Conquista, war den Spaniern offenbar nicht bekannt – und geriet in eine Form von gezielter Vergessenheit. Lokale Bauern bewirtschafteten die Terrassen weiter und kannten den Ort als Machu Picchu („alter Berg“).

1911 führte ein Junge namens Pablito Álvarez den US-amerikanischen Geschichtsforscher Hiram Bingham zur Stätte. Bingham machte den Ort international bekannt und brachte zahlreiche Artefakte an die Yale University – die zwischen 2010 und 2012 nach Peru zurückgegeben wurden. Die Vorstellung, Bingham habe Machu Picchu „entdeckt“, wird heute zu Recht kritisiert: Die einheimische Bevölkerung kannte den Ort.

Aktuelle Forschung

Eine 2021 in Antiquity publizierte Radiokarbon-Studie an Skelettresten datiert die Nutzung von Machu Picchu von ca. 1420 bis ca. 1530. Damit beginnt die Besiedlung früher als bisher angenommen. Bioarchäologische Analysen zeigen, dass die Bewohner aus verschiedenen Regionen des Reichs stammten – Inka-Praxis war es, ausgesuchte Spezialisten („Mitma“) in königlichen Anlagen anzusiedeln.

Diskutiert wird auch der ursprüngliche Name. Der Quechua-Forscher Donato Amado Gonzales und der amerikanische Anthropologe Brian Bauer schlugen 2022 vor, dass die Anlage von den Inka selbst Huayna Picchu oder einfach Picchu genannt wurde – die heute übliche Bezeichnung wäre demnach erst im 20. Jahrhundert kanonisch geworden.

Quellen & Literatur

  • [{"text":"Brian Bauer, "Ancient Cuzco" (University of Texas Press)","url":"https://utpress.utexas.edu/"},{"text":"UNESCO World Heritage Centre – Historic Sanctuary of Machu Picchu","url":"https://whc.unesco.org/en/list/274"},{"text":"Burger, Salazar et al., "New AMS dates for Machu Picchu", Antiquity 2021","url":"https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity"}]
Über die Autorin/den Autor

Marlene Hoffmann

Redaktion · Andenraum & Sprachen

Lernt seit acht Jahren Quechua. Schwerpunkt: Andenraum und indigene Sprachen Südamerikas.

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