Andenraum

Die andinen Hochkulturen vor den Inka

Bevor die Inka ihr Reich aufbauten, hatten andere die Vorarbeit geleistet: zwei Jahrtausende andiner Hochkulturen.

Hinweis: Dieser Beitrag bietet einen populärwissenschaftlichen Überblick. Die genannten Theorien und Datierungen entsprechen dem aktuellen Forschungsstand und können sich durch neue Erkenntnisse ändern.
Antwort in Kürze

Vor dem Inka-Reich existierten im Andenraum mindestens fünf grosse Hochkulturen: Chavín (ca. 1200–200 v. Chr.), Moche (ca. 100–800 n. Chr.), Wari (ca. 600–1100), Tiwanaku (ca. 500–1100) und Chimú (ca. 900–1470). Sie entwickelten Bewässerungssysteme, Goldschmiedekunst, monumentale Architektur und politische Strukturen, auf denen die Inka aufbauten.

Wer von Anden-Archäologie spricht, denkt zuerst an Machu Picchu und das Inka-Reich. Doch die Inka waren spät dran. Über zwei Jahrtausende lang hatten andere Hochkulturen die Anden geprägt – und ohne ihre technischen, politischen und religiösen Innovationen wäre das Inka-Reich gar nicht denkbar gewesen.

Chavín – die religiöse Universalkultur (ca. 1200–200 v. Chr.)

Die Chavín-Kultur war die erste Hochkultur, die einen grossen Teil des heutigen Peru kulturell vereinte. Ihr Zentrum, Chavín de Huántar, lag auf 3.180 Meter Höhe in den nördlichen Anden. Es war ein religiöses Zentrum mit unterirdischen Galerien, Reliefs und dem berühmten Lanzón, einer 4,5 Meter hohen Steinstele.

Chavín ist beeindruckend, weil es offenbar ohne militärische Eroberung wirkte. Sein Einfluss verbreitete sich über religiöse Fernwirkung und Pilgerverkehr. Stilistische Elemente – stilisierte Jaguare, Schlangen, Vögel – tauchen über tausende Kilometer hinweg in lokalen Kulturen auf.

Moche – Krieger und Goldschmiede (ca. 100–800 n. Chr.)

An der peruanischen Nordküste blühte über 700 Jahre lang die Moche-Kultur. Sie ist berühmt für ihre extrem realistischen Keramiken (Porträtgefässe, erotische Darstellungen, Krieger), ihre Goldschmiedekunst und ihre monumentalen Lehmziegel-Pyramiden – die Huaca del Sol und die Huaca de la Luna in der Nähe des heutigen Trujillo.

Der spektakulärste Fund der Moche-Forschung war 1987 das Königsgrab von Sipán: ein ungeplündertes Grab eines Moche-Herrschers, mit Goldmasken, Silberschmuck und Begleitbestattungen. Walter Alva und sein Team retteten es vor Plünderern – heute ist es das wichtigste Goldgrab Südamerikas.

Die Moche kollabierten zwischen 600 und 800 n. Chr., wahrscheinlich aufgrund einer Kombination aus extremer Trockenperiode, El-Niño-bedingten Überschwemmungen und politischer Erschütterung.

Wari – das erste Andenreich (ca. 600–1100)

Während die Moche an der Küste verschwanden, entstand im südlichen Hochland ein imperiales Gebilde: das Wari-Reich. Sein Zentrum, die Stadt Wari nahe Ayacucho, hatte zur Blütezeit 30.000 bis 70.000 Einwohner.

Wari gilt als das erste „echte“ Andenreich. Die Wari kontrollierten ein riesiges Gebiet vom heutigen Nordperu bis Cusco, errichteten standardisierte Verwaltungszentren (z.B. Pikillacta), entwickelten ein Strassennetz, das später von den Inka übernommen wurde, und führten erste Quipu-Vorläufer ein.

Tiwanaku – Stadt am Himmel (ca. 500–1100)

Zur gleichen Zeit wie Wari blühte am Titicacasee, auf 3.850 Meter Höhe, die Tiwanaku-Kultur. Die Stadt Tiwanaku selbst war ein grosses zeremonielles Zentrum mit der Pyramide Akapana, dem Tempel Kalasasaya und dem berühmten Sonnentor (Puerta del Sol) mit seinen Reliefs des Stabträger-Gottes.

Tiwanaku entwickelte das Anbausystem der Sukakollos – erhöhte Felder, die durch Wasser-Kanäle voneinander getrennt waren. Das Wasser speicherte tagsüber Sonnenwärme und gab sie nachts ab, schützte die Pflanzen vor Frost und ermöglichte Ackerbau auf 3.800 Meter Höhe. Diese Technik wird heute teilweise wiederbelebt.

Chimú – das Reich von Chan Chan (ca. 900–1470)

Nach dem Zusammenbruch von Moche entstand an der Nordküste Perus das Chimú-Reich. Seine Hauptstadt, Chan Chan, war mit 20 Quadratkilometern und schätzungsweise 30.000 Einwohnern die grösste Lehmziegelstadt der präkolumbischen Welt – heute UNESCO-Welterbe.

Chimú dehnte seine Herrschaft über 1.000 Kilometer entlang der peruanischen Pazifikküste aus. Die Bewässerungstechnik war hochentwickelt: ein Kanal- und Reservoir-System, das die Wüstenküste fruchtbar machte. 1470 wurden die Chimú vom Inka Túpac Yupanqui erobert. Ihre Goldschmiede wurden nach Cusco gebracht – die Inka-Goldschmiedekunst ist eigentlich Chimú-Goldschmiedekunst.

Das Erbe

Was die Inka „erfanden“, war meist eine Synthese und Skalierung des Vorhandenen. Die Quipus stammen aus Wari-Tradition. Das Strassensystem nutzt Wari-Vorläufer. Die Bewässerungstechnik kommt von Moche und Chimú. Die Sukakollos-Felder werden auf Tiwanaku-Konzepten weitergeführt. Die religiöse Sonnenverehrung hat Vorläufer bei Chavín.

Wenn man die Inka als Krönung der Andenkulturen sieht, übersieht man, was vorher kam. Die wahre Tiefe der andinen Zivilisation liegt in diesen zwei Jahrtausenden Vorgeschichte.

Häufige Fragen

Welche andinen Hochkulturen gingen den Inka voran?

Die wichtigsten waren Chavín (ca. 1200–200 v. Chr.), Moche (ca. 100–800), Wari (ca. 600–1100), Tiwanaku (ca. 500–1100) und Chimú (ca. 900–1470). Sie alle prägten Technologien, Religion und Verwaltung, die später von den Inka übernommen wurden.

Was war das Königsgrab von Sipán?

Das 1987 von Walter Alva entdeckte ungeplünderte Grab eines Moche-Herrschers in Sipán/Nordperu. Es enthielt Goldmasken, Silberschmuck und Begleitbestattungen. Es ist eines der bedeutendsten archäologischen Funde Südamerikas.

Wo lag Tiwanaku?

Tiwanaku liegt im heutigen Bolivien, am Südufer des Titicacasees, auf etwa 3.850 Metern Höhe. Es ist UNESCO-Welterbe.

Quellen & Literatur

  • Moseley, Michael E. (2001): The Incas and Their Ancestors. The Archaeology of Peru.
  • Quilter, Jeffrey (2014): The Ancient Central Andes.
  • Alva, Walter / Donnan, Christopher B. (1993): Royal Tombs of Sipán.
  • Bauer, Brian S. (2004): Ancient Cuzco. Heartland of the Inca.
Über die Autorin/den Autor

Marlene Hoffmann

Redaktion · Andenraum & Sprachen

Lernt seit acht Jahren Quechua. Schwerpunkt: Andenraum und indigene Sprachen Südamerikas.

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