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Der Mound-Builder-Mythos: Wie Ureinwohner abgesprochen wurden

Der Mound-Builder-Mythos war eine im 19. Jahrhundert verbreitete Annahme, dass die zahlreichen Erdhügel in Nordamerika von einem mysteriösen, verschwundenen Volk erbaut wurden, nicht von den Vorfahren der damals lebenden indigenen Völker. Diese rassistische Erzählung diente dazu, die indigene Präsenz und ihre kulturellen Leistungen zu schmälern und die europäische Kolonialisierung zu rechtfertigen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Mythos durch wissenschaftliche Forschung, insbesondere durch Cyrus Thomas vom Smithsonian, endgültig widerlegt.

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Nordamerika
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2026-05-21

Der Mound-Builder-Mythos: Wie Ureinwohner abgesprochen wurden

Die weiten Landschaften Nordamerikas sind übersät mit Tausenden von beeindruckenden Erdhügeln – Zeugnisse komplexer und hochentwickelter indigener Kulturen. Doch im 19. Jahrhundert entstand eine Erzählung, der sogenannte Mound-Builder-Mythos, die diesen Völkern ihre eigenen Leistungen absprach. Dieser Mythos behauptete, ein „verlorenes Volk“ habe diese Strukturen errichtet, und nicht die direkten Vorfahren der heutigen indigenen Gemeinschaften. Eine rassistisch motivierte Leugnung, die weitreichende Folgen hatte und erst durch akribische archäologische Forschung widerlegt werden konnte.

Kurz zusammengefasst: Der Mound-Builder-Mythos war eine im 19. Jahrhundert verbreitete Annahme, dass die zahlreichen Erdhügel in Nordamerika von einem mysteriösen, verschwundenen Volk erbaut wurden, nicht von den Vorfahren der damals lebenden indigenen Völker. Diese rassistische Erzählung diente dazu, die indigene Präsenz und ihre kulturellen Leistungen zu schmälern und die europäische Kolonialisierung zu rechtfertigen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Mythos durch wissenschaftliche Forschung, insbesondere durch Cyrus Thomas vom Smithsonian, endgültig widerlegt.

📋 Pillar-Steckbrief

RegionNordamerika
KulturHopewell/Adena
Mound-Builder-Mythos19. Jh.
Annahme"verlorenes Volk" baute Mounds — nicht Ureinwohner
Smithsonian 1894Cyrus Thomas widerlegte
Wichtige Forscher:innenCyrus Thomas
📚 Inhaltsverzeichnis
  1. Mound-Builder-Mythos
  2. Jh.: "Verlorenes Volk"
  3. Rassistische Annahmen
  4. Smithsonian 1894: Wende
  5. Cyrus Thomas
  6. Heutiges Bild
  7. Häufige Fragen
  8. Fazit

Mound-Builder-Mythos

Der Mound-Builder-Mythos ist eine der hartnäckigsten und schädlichsten Erzählungen in der Geschichte der nordamerikanischen Archäologie. Er entstand im 19. Jahrhundert, als europäische Siedler und Forscher auf die Tausenden von monumentalen Erdhügeln stießen, die von indigenen Völkern über Jahrtausende hinweg in weiten Teilen des heutigen Ost- und Mittelwestens der Vereinigten Staaten errichtet worden waren. Diese komplexen Bauwerke, die von einfachen Bestattungshügeln bis zu riesigen zeremoniellen Plattformen reichten, zeugten von einer hochentwickelten Gesellschaftsstruktur, technischen Fähigkeiten und tiefgreifenden spirituellen Praktiken.

Anstatt diese Errungenschaften den indigenen Völkern zuzuschreiben, die sie umgaben, entwickelten viele weiße Siedler die Vorstellung, dass ein anderes, „verlorenes“ Volk – oft als eine überlegene, weiße oder europäischstämmige Rasse beschrieben – für den Bau dieser Mounds verantwortlich sein müsse. Diese Annahme war tief in den rassistischen Vorurteilen der Zeit verwurzelt und diente einem klaren politischen Zweck: Sie sollte die Legitimität der indigenen Landansprüche untergraben und die europäische Expansion rechtfertigen.

💡 Wussten Sie? Einige der größten Erdhügel Nordamerikas, wie der Monks Mound in Cahokia, Illinois, sind größer als die Große Pyramide von Gizeh in Ägypten an ihrer Basis und zeugen von einer unglaublichen Ingenieursleistung.

Jh.: „Verlorenes Volk“

Im 19. Jahrhundert war die Vorstellung eines „verlorenen Volkes“ in der amerikanischen Öffentlichkeit weit verbreitet. Die Siedler trafen auf indigene Gemeinschaften, die durch Kriege, Krankheiten und Vertreibung dezimiert waren. Es schien für viele unvorstellbar, dass diese Völker, die oft als „wild“ oder „primitiv“ stigmatisiert wurden, die Erbauer solch beeindruckender Monumente sein könnten. Stattdessen suchte man nach einer Erklärung, die besser in das eigene Weltbild passte.

Es entstanden zahlreiche Theorien über die Identität dieses „verlorenen Volkes“. Einige spekulierten, es handele sich um Nachfahren der Zehn Verlorenen Stämme Israels, andere vermuteten Phönizier, Wikinger oder sogar eine untergegangene Zivilisation aus Atlantis. Diese Fantasien wurden oft durch die Entdeckung europäischer Artefakte in den Mounds befeuert, die sich später als moderne Beigaben oder Fehlinterpretationen herausstellten. Der Mound-Builder-Mythos wurde so zu einem bequemen Werkzeug, um die indigene Geschichte umzuschreiben und die eigene Überlegenheit zu behaupten.

Ein prominentes Beispiel für die Nutzung dieser Erzählung findet sich im Mormonen-Glauben. Joseph Smith, der Gründer der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, integrierte die Vorstellung eines untergegangenen Volkes, der Nephiten und Lamaniten, in seine Lehren. Diese Völker, die angeblich aus dem Nahen Osten stammten, sollen in Amerika komplexe Zivilisationen aufgebaut haben, deren Überreste die Mounds seien. Diese religiöse Interpretation verlieh dem Mythos eine zusätzliche kulturelle und spirituelle Dimension, die seine Verbreitung weiter förderte.

Rassistische Annahmen

Die Wurzeln des Mound-Builder-Mythos waren zutiefst rassistisch. Die europäischstämmige Bevölkerung des 19. Jahrhunderts war von der Vorstellung der Überlegenheit der weißen Rasse durchdrungen. Es passte nicht in dieses Weltbild, dass indigene Völker, die man als intellektuell minderwertig und kulturell unterentwickelt ansah, die Fähigkeit besessen haben sollten, so komplexe architektonische Projekte zu realisieren. Die Mounds waren schlichtweg zu beeindruckend, um von den als „unzivilisiert“ abgestempelten Ureinwohnern erbaut worden zu sein.

Diese rassistische Argumentation diente nicht nur der intellektuellen Befriedigung, sondern hatte auch handfeste politische und wirtschaftliche Implikationen. Indem man den indigenen Völkern ihre historische Verbindung zu den Mounds absprach, entzog man ihnen einen wichtigen Pfeiler ihrer kulturellen Identität und ihrer Landansprüche. Die Erzählung vom „verlorenen Volk“ legitimierte die Vertreibung und Enteignung der indigenen Bevölkerung, da diese angeblich nicht die „rechtmäßigen“ Erben des Landes und seiner Geschichte waren. Es war ein Versuch, die indigene Geschichte auszulöschen und die Kolonialisierung als einen Akt des Fortschritts und der Zivilisierung darzustellen.

Smithsonian 1894: Wende

Die Wende in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Mound-Builder-Mythos kam Ende des 19. Jahrhunderts, maßgeblich durch die Arbeit des Smithsonian Institution. Angesichts der weit verbreiteten Spekulationen und des Mangels an fundierten Erkenntnissen beschloss das Bureau of American Ethnology (BAE) des Smithsonian, eine umfassende archäologische Untersuchung durchzuführen. Ziel war es, die Frage nach den Erbauern der Mounds ein für alle Mal zu klären.

Zwischen 1881 und 1894 leitete der Ethnologe und Archäologe Cyrus Thomas dieses monumentale Forschungsprojekt. Sein Team untersuchte Tausende von Mounds und anderen archäologischen Stätten in 20 Bundesstaaten. Sie führten systematische Ausgrabungen durch, dokumentierten Befunde akribisch und sammelten eine enorme Menge an Daten. Die Ergebnisse dieser umfassenden Studie wurden 1894 in einem wegweisenden Bericht mit dem Titel „Report on the Mound Explorations of the Bureau of Ethnology“ veröffentlicht. Dieser Bericht stellte einen Meilenstein in der amerikanischen Archäologie dar und widerlegte den Mythos endgültig.

Cyrus Thomas

Cyrus Thomas (1825–1910) war die zentrale Figur bei der wissenschaftlichen Demontage des Mound-Builder-Mythos. Ursprünglich Jurist und Entomologe, brachte er eine methodische und logische Herangehensweise in die Archäologie ein, die zu dieser Zeit dringend benötigt wurde. Seine Arbeit für das Bureau of American Ethnology des Smithsonian war von beispiellosem Umfang und Akribie. Thomas und sein Team sammelten Beweise, die die direkte Kontinuität zwischen den Erbauern der Mounds und den historischen indigenen Völkern Nordamerikas aufzeigten.

Zu den wichtigsten Erkenntnissen von Cyrus Thomas gehörten:

  • Kontinuität der materiellen Kultur: Die Artefakte, die in den Mounds gefunden wurden (Keramik, Werkzeuge, Schmuck), zeigten deutliche Parallelen zu den materiellen Kulturen der historischen indigenen Völker.
  • Skelettmaterial: Die menschlichen Überreste in den Mounds waren eindeutig denen der indigenen Bevölkerung zuzuordnen und nicht einer vermeintlich „anderen“ Rasse.
  • Mündliche Überlieferungen: Thomas berücksichtigte auch die mündlichen Überlieferungen indigener Gemeinschaften, die oft von ihren Vorfahren als Erbauern der Mounds berichteten.
  • Fehlinterpretationen: Er entlarvte viele der „Beweise“ für ein „verlorenes Volk“ als Fehlinterpretationen, Fälschungen oder moderne Einbringungen.

Die Arbeit von Cyrus Thomas war nicht nur eine wissenschaftliche Leistung, sondern auch ein Akt der Gerechtigkeit. Er stellte die historische Wahrheit wieder her und gab den indigenen Völkern ihre rechtmäßige Anerkennung als Schöpfer dieser beeindruckenden Kulturgüter zurück. Seine Forschung legte den Grundstein für eine moderne, wissenschaftlich fundierte Archäologie in Nordamerika. Mehr über die Geschichte des Bureau of American Ethnology erfahren Sie auf der Website des Smithsonian Magazine.

💡 Wussten Sie? Die Hopewell-Kultur (ca. 200 v. Chr. – 500 n. Chr.) und die Adena-Kultur (ca. 1000 v. Chr. – 200 n. Chr.) sind zwei der bekanntesten Hügelbauenden Kulturen, deren Erdhügel noch heute in Ohio und anderen Regionen zu finden sind.

Heutiges Bild

Dank der wegweisenden Arbeit von Cyrus Thomas und nachfolgender Generationen von Archäologen und Anthropologen ist der Mound-Builder-Mythos heute wissenschaftlich vollständig diskreditiert. Es besteht kein Zweifel mehr daran, dass die Mounds in Nordamerika von den direkten Vorfahren der heutigen indigenen Völker errichtet wurden. Diese Kulturen, wie die Adena, Hopewell und Mississippi-Kultur, schufen über Jahrtausende hinweg eine reiche und vielfältige archäologische Landschaft.

Heute konzentriert sich die Forschung darauf, die Komplexität dieser Kulturen besser zu verstehen. Archäologen untersuchen ihre sozialen Strukturen, ihre Handelsnetzwerke, ihre religiösen Praktiken und ihre Anpassung an die Umwelt. Stätten wie die UNESCO-Welterbestätte Cahokia Mounds in Illinois oder der Serpent Mound in Ohio sind lebendige Zeugnisse dieser Geschichte und wichtige Orte für die Nachfahren der Erbauer.

Die Anerkennung der indigenen Urheberschaft der Mounds ist nicht nur eine Frage der historischen Genauigkeit, sondern auch ein wichtiger Schritt zur Dekolonisierung der Archäologie und zur Stärkung der kulturellen Identität indigener Gemeinschaften. Viele dieser Gemeinschaften sind heute aktiv an der Erforschung, dem Schutz und der Interpretation ihrer Vorfahrenstätten beteiligt, wodurch ein respektvoller und partnerschaftlicher Umgang mit dem kulturellen Erbe gefördert wird.

Häufige Fragen

Wer waren die tatsächlichen Erbauer der Mounds?

Die Mounds wurden von verschiedenen indigenen Kulturen über einen Zeitraum von Tausenden von Jahren errichtet. Zu den bekanntesten gehören die Adena-Kultur, die Hopewell-Kultur und die Mississippi-Kultur. Diese Völker lebten in komplexen Gesellschaften und hinterließen beeindruckende Zeugnisse ihrer Kultur und Ingenieurskunst.

Warum entstand der Mound-Builder-Mythos?

Der Mythos entstand im 19. Jahrhundert aus einer Mischung aus Unwissenheit, rassistischen Vorurteilen und dem Wunsch, die indigene Bevölkerung zu enteignen. Europäische Siedler konnten sich nicht vorstellen, dass die von ihnen als „primitiv“ angesehenen Ureinwohner solche monumentalen Bauwerke errichten konnten.

Welche Rolle spielte Cyrus Thomas bei der Widerlegung des Mythos?

Cyrus Thomas leitete Ende des 19. Jahrhunderts eine umfassende archäologische Untersuchung für das Smithsonian Institution. Seine systematische Forschung und die Analyse von Tausenden von Funden bewiesen unwiderlegbar, dass die Mounds von den Vorfahren der heutigen indigenen Völker erbaut wurden, und widerlegten den Mythos wissenschaftlich.

Welche Bedeutung haben die Mounds heute für indigene Gemeinschaften?

Für indigene Gemeinschaften sind die Mounds heilige Stätten, Zeugnisse ihrer tiefen Geschichte und kulturellen Verbundenheit mit dem Land. Sie repräsentieren die Leistungen ihrer Vorfahren und sind wichtige Orte für kulturelle Praktiken, Erinnerung und Identität. Ihr Schutz und ihre korrekte Interpretation sind von großer Bedeutung.

Fazit

Der Mound-Builder-Mythos ist ein prägnantes Beispiel dafür, wie rassistische Vorurteile und politische Interessen die Geschichtsschreibung verzerren können. Er diente dazu, indigenen Völkern ihre Errungenschaften abzusprechen und die europäische Kolonialisierung zu legitimieren. Doch dank der akribischen und mutigen Arbeit von Forschern wie Cyrus Thomas wurde dieser Mythos Ende des 19. Jahrhunderts wissenschaftlich widerlegt. Heute wissen wir, dass die beeindruckenden Erdhügel Nordamerikas das Erbe komplexer und hochentwickelter indigener Kulturen sind. Ihre Geschichte und die Bedeutung dieser Stätten werden zunehmend in Zusammenarbeit mit den Nachfahren der Erbauer erforscht und gewürdigt, was einen wichtigen Beitrag zur Dekolonisierung der Archäologie und zur Anerkennung indigener Kulturen leistet.