Die Casarabe-Kultur, eine präkolumbische Zivilisation im bolivianischen Amazonas-Tiefland (500–1400 n. Chr.), hat lange Zeit Rätsel aufgegeben. Neue Forschungsergebnisse, insbesondere durch den Einsatz von LiDAR-Technologie, offenbaren nun ein komplexes Netzwerk urbaner Siedlungen, das das Bild des Amazonas als unberührte Wildnis grundlegend verändert. Diese Entdeckungen stellen traditionelle Vorstellungen über die Entwicklung von Hochkulturen in tropischen Tieflandregionen infrage und zeigen eine hochentwickelte, organisierte Gesellschaft.
- Die Casarabe-Kultur existierte von 500 bis 1400 n. Chr. in den Llanos de Mojos, Bolivien.
- LiDAR-Scans enthüllten 26 bisher unbekannte Siedlungen, darunter zwei großdimensionierte Zentren.
- Die größten Städte, Cotoca und Landívar, umfassen jeweils bis zu 147 Hektar.
- Ein komplexes Netzwerk aus Dämmen und Kanälen verband die Siedlungen auf einer Fläche von über 4.500 Quadratkilometern.
- Die Entdeckungen widerlegen die Annahme, dass komplexe urbane Kulturen im Amazonas unmöglich waren.
Was ist Casarabe?

Die Casarabe-Kultur ist eine präkolumbische archäologische Kultur, die zwischen 500 und 1400 n. Chr. in der Region Llanos de Mojos im bolivianischen Amazonas-Tiefland existierte. Sie ist bekannt für ihre komplexen und weitläufigen Siedlungsstrukturen, die erst kürzlich durch den Einsatz von LiDAR-Technologie in ihrer vollen Ausdehnung sichtbar wurden. Die Kultur zeichnet sich durch großdimensionierte Erdbauten, ein ausgeklügeltes Wasserwirtschaftssystem und ein dichtes Netzwerk von Siedlungen aus, die eine frühe Form des tropischen Urbanismus darstellen.
📜 Forschung und Einordnung

Die Entdeckung der Casarabe-Siedlungen durch LiDAR hat das Verständnis für präkolumbische Gesellschaften im Amazonas revolutioniert und wirft neue Fragen zur Urbanisierung in tropischen Tieflandregionen auf.
Die Forschung zur Casarabe-Kultur steht noch am Anfang. Während die Existenz und Komplexität der Siedlungen durch die LiDAR-Daten klar belegt ist, bleiben Fragen zur sozialen Organisation, dem genauen Funktionieren des Wasserwirtschaftssystems und den Gründen für den Rückgang der Kultur offen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Archäologen, Ethnobotanikern und Klimaforschern wird hier entscheidend sein.
Grundlagen der Casarabe-Kultur

Die Casarabe-Kultur entwickelte sich in einer Region, die als Llanos de Mojos bekannt ist – eine riesige Savannenlandschaft, die während der Regenzeit regelmäßig überschwemmt wird. Um in dieser Umgebung zu überleben und komplexe Gesellschaften zu bilden, mussten die Bewohner hochentwickelte Anpassungsstrategien entwickeln. Dazu gehörten umfangreiche Erdbauten wie Dämme, Kanäle und erhöhte Plattformen, die nicht nur als Siedlungsflächen dienten, sondern auch eine kontrollierte Wasserwirtschaft ermöglichten. Diese Infrastruktur war essenziell, um Überschwemmungen zu managen, Landwirtschaft zu betreiben und Fischerei zu ermöglichen.
Die keramischen Funde der Casarabe-Kultur zeigen eine charakteristische polychrome Malerei, die sich von anderen Kulturen der Region unterscheidet. Diese Keramik, oft mit geometrischen Mustern und figürlichen Darstellungen verziert, gibt Einblicke in ihre Kunst und möglicherweise in ihre Weltanschauung. Die Kultur war in zwei großdimensionierte Hauptsiedlungen, Cotoca und Landívar, sowie 24 kleinere Stätten unterteilt, die alle durch ein komplexes System von Hochwegen, Dämmen und Kanälen miteinander verbunden waren. Diese Struktur deutet auf eine zentralisierte Organisation und eine hierarchische Gesellschaft hin.
LiDAR (Light Detection and Ranging) ist eine Fernerkundungsmethode, die mittels Laserpulsen die Oberfläche eines Gebiets scannt. Durch die Messung der Zeit, die das Licht für die Reflexion benötigt, können hochpräzise 3D-Modelle des Geländes erstellt werden, selbst unter dichtem Vegetationsbewuchs.
Für die Archäologie ist LiDAR revolutionär, da es verborgene Strukturen wie Erdwälle, Kanäle oder Fundamentreste sichtbar macht, die vom Boden aus oder durch Satellitenbilder nicht erkennbar wären. Im Kontext der Casarabe-Kultur ermöglichte es die Kartierung ganzer urbaner Landschaften im dichten Amazonas-Regenwald.
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Mesoamerika – Aufdeckung von Maya-Städten und -Infrastruktur (z.B. El Mirador, Tikal)•
Amazonien – Kartierung von Terra Preta und Erdbauten (z.B. Casarabe, Xingu)•
Nordamerika – Entdeckung von Ancestral Puebloans-Siedlungen und Geoglyphen
LiDAR revolutioniert die Forschung
Die Entdeckung der wahren Ausmaße der Casarabe-Kultur verdanken wir maßgeblich dem Einsatz der LiDAR-Technologie. Ein Forschungsteam unter der Leitung von Heiko Prümers vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) nutzte diese Methode, um die dicht bewachsenen Gebiete der Llanos de Mojos zu durchdringen. Die Ergebnisse, die 2022 in der Fachzeitschrift Nature publiziert wurden, offenbarten eine bisher unvorstellbare Komplexität der Siedlungsstrukturen. Statt isolierter Dörfer zeigte sich ein ganzes Netzwerk von Städten und Dörfern, die durch bis zu 10 Kilometer lange Dämme verbunden waren.
LiDAR-Scans ermöglichten es, die Topographie des Landes präzise zu erfassen und menschliche Modifikationen wie erhöhte Plattformen, Pyramiden und Kanäle zu identifizieren, die über Jahrhunderte von der Vegetation überwuchert worden waren. Die beiden größten Zentren, Cotoca und Landívar, beeindrucken mit einer Ausdehnung von bis zu 147 Hektar und weisen großdimensionierte Erdhügelpyramiden von bis zu 22 Metern Höhe auf. Diese Städte waren nicht nur religiöse und politische Zentren, sondern auch Knotenpunkte eines weitverzweigten Wirtschafts- und Verkehrssystems, das sich über eine Fläche von rund 4.500 Quadratkilometern erstreckte.
Casarabe in der Archäologie Amerikas
Die Entdeckungen zur Casarabe-Kultur fügen sich in ein wachsendes Bild komplexer präkolumbischer Gesellschaften im Amazonasraum ein und erweitern unser Verständnis der Urbanisierung in tropischen Regionen Amerikas.
Weiterführend: Caracol LiDAR: Pionierarbeit in der Maya-Archäologie · Tikal: Aktuelle Funde & LiDAR-Mapping in der Maya-Metropole
Genauigkeit und Grenzen der Forschung
Die LiDAR-Technologie bietet eine beispiellose Präzision bei der Kartierung von Landschaften und verborgenen Strukturen. Für die Casarabe-Kultur lieferte sie detaillierte Informationen über die Größe, Anordnung und Vernetzung der Siedlungen. Die Höhenunterschiede der Erdbauten konnten auf wenige Zentimeter genau erfasst werden, was Rückschlüsse auf die Bauweise und das Wasserwirtschaftssystem ermöglicht. Allerdings hat auch LiDAR seine Grenzen. Es kann zwar die Oberflächenstrukturen offenbaren, aber keine Aussagen über die genaue Funktion von Gebäuden, die Bevölkerungszahl oder die soziale Organisation treffen.
Dazu sind weiterhin traditionelle archäologische Ausgrabungen notwendig, die jedoch im dichten Regenwald und den saisonalen Überschwemmungsgebieten der Llanos de Mojos extrem aufwendig und logistisch herausfordernd sind. Die Datierung der Casarabe-Kultur erfolgte hauptsächlich mittels Radiokarbonanalysen von organischem Material aus Probegrabungen. Diese Datierungen sind entscheidend, um die Chronologie der Siedlungen zu verstehen und ihre Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte nachzuvollziehen.
Bayessche Modellierung: Aus Einzeldaten wird eine Chronologie
In der modernen Archäologie werden Radiokarbon-Datierungen nicht mehr als isolierte Einzelwerte betrachtet, sondern im Kontext weiterer Informationen mittels bayesscher Modellierung analysiert. Dieses statistische Verfahren integriert archäologisches Vorwissen, wie die stratigraphische Abfolge von Schichten, in die mathematische Berechnung der Wahrscheinlichkeitsverteilung. Dadurch können die Datierungsspannen einzelner Proben signifikant eingeengt und eine robustere Chronologie erstellt werden.
Die Standardsoftware für bayessche Modellierung ist OxCal, entwickelt von Christopher Bronk Ramsey an der University of Oxford. OxCal ermöglicht es Forschenden, komplexe Modelle zu erstellen, die mehrere Datierungen aus einer Fundstelle oder einem kulturellen Kontext miteinander verknüpfen. Dies führt zu einer präziseren zeitlichen Einordnung archäologischer Ereignisse und Kulturen, als es mit unmodellierten Einzeldatierungen möglich wäre.
Für die Archäologie Amerikas, insbesondere in Regionen wie dem Amazonas, wo stratigraphische Befunde oft komplex sind und organische Materialien schnell zerfallen, ist die bayessche Modellierung von unschätzbarem Wert. Sie hilft, die Chronologien von Kulturen wie der Casarabe präziser zu definieren und ihre Interaktionen mit anderen Gesellschaften sowie ihre Anpassung an Umweltveränderungen besser zu verstehen.
Hintergrund und Geschichte der Forschung
Die Llanos de Mojos sind seit Langem für ihre präkolumbischen Erdbauten bekannt. Bereits im 19. Jahrhundert berichteten Reisende und Naturforscher wie Alcide d’Orbigny von den forschungstechnisch offenen Hügeln und Dämmen. Ernsthafte archäologische Forschung begann jedoch erst im 20. Jahrhundert, wobei Pioniere wie William Denevan die immense Bedeutung der indigenen Landschaftsgestaltung im Amazonas hervorhoben. Lange Zeit galten die Llanos de Mojos jedoch als eine Region, die zwar von Menschen modifiziert, aber nicht im Sinne einer „Stadtkultur“ besiedelt wurde.
Die Casarabe-Kultur selbst wurde erstmals in den 1990er Jahren als eigenständige archäologische Einheit definiert, basierend auf keramischen Funden und ersten Probegrabungen. Die wahre Dimension und Komplexität der Siedlungen blieb jedoch bis zur LiDAR-Studie von Heiko Prümers und seinem Team im Jahr 2022 verborgen. Diese Publikation in Nature (Prümers et al., 2022) war ein Wendepunkt, der die Casarabe-Kultur international ins Rampenlicht rückte und die Diskussion über Urbanismus im präkolumbischen Amazonas neu entfachte. Die Arbeit des Deutschen Archäologischen Instituts in der Region ist ein langfristiges Projekt, das weiterhin neue Erkenntnisse liefert und unser Bild der südamerikanischen Geschichte prägt.
Häufige Fragen
Was war die Casarabe-Kultur?
Die Casarabe-Kultur war eine präkolumbische Zivilisation, die zwischen 500 und 1400 n. Chr. im bolivianischen Amazonas-Tiefland, genauer in den Llanos de Mojos, existierte. Sie ist bekannt für ihre komplexen städtischen Siedlungen mit großdimensionierten Erdbauten, einem weitverzweigten Netzwerk von Dämmen und Kanälen sowie einer charakteristischen polychromen Keramik. Die Kultur stellt eine frühe Form des tropischen Urbanismus dar und widerspricht älteren Annahmen über die Besiedlungsdichte des Amazonas.
Wer ist Heiko Prümers?
Heiko Prümers ist ein deutscher Altamerikanist und Archäologe, der sich auf die Archäologie des Amazonasgebietes spezialisiert hat. Er ist Wissenschaftlicher Direktor der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Bonn. Prümers leitete das Forschungsteam, das 2022 die bahnbrechenden LiDAR-Ergebnisse zur Casarabe-Kultur in den Llanos de Mojos publizierte, und hat maßgeblich zur Erforschung präkolumbischer Kulturen im südamerikanischen Tiefland beigetragen.
Wo liegen die Llanos de Mojos?
Die Llanos de Mojos sind eine riesige, etwa 110.000 Quadratkilometer große Savannenlandschaft im bolivianischen Amazonas-Tiefland, im Departamento Beni. Diese Region ist charakterisiert durch saisonale Überschwemmungen, die von den Flüssen des Amazonas-Beckens gespeist werden. Trotz dieser Herausforderungen war die Region in präkolumbischer Zeit dicht besiedelt und wurde von indigenen Kulturen durch umfangreiche Erdbauten wie Dämme, Kanäle und erhöhte Felder stark modifiziert, um eine nachhaltige Landwirtschaft und Fischerei zu ermöglichen.
Was wurde in der Casarabe-Kultur entdeckt?
Mithilfe von LiDAR-Technologie wurden in der Casarabe-Kultur 26 Siedlungen identifiziert, darunter zwei großdimensionierte Hauptstädte: Cotoca und Landívar. Diese Städte umfassten jeweils bis zu 147 Hektar und wiesen erhöhte Plattformen, bis zu 22 Meter hohe Erdhügelpyramiden, Plätze und ein dichtes Netzwerk von Dämmen und Kanälen auf. Das gesamte Siedlungsnetzwerk erstreckte sich über etwa 4.500 Quadratkilometer und deutet auf eine hochorganisierte Gesellschaft mit einer komplexen Wasserwirtschaft und Infrastruktur hin.
Warum ist die Casarabe-Entdeckung so wichtig?
Die Entdeckung der Casarabe-Kultur ist von immenser Bedeutung, da sie die langjährige Annahme widerlegt, dass komplexe, städtische Gesellschaften im Amazonas-Tiefland aufgrund der Umweltbedingungen (z.B. saisonale Überschwemmungen, dichter Regenwald) nicht möglich waren. Sie belegt, dass indigene Völker den Amazonas bereits vor der europäischen Kolonisation massiv geformt und bewohnt haben. Dies verändert unser Verständnis der präkolumbischen Geschichte Südamerikas und unterstreicht die Notwendigkeit, den Amazonas als eine von Menschen geprägte Kulturlandschaft zu betrachten.
🏁 Fazit: Casarabe verändert das Bild des Amazonas
Die Erforschung der Casarabe-Kultur in den bolivianischen Llanos de Mojos markiert einen Wendepunkt in der Archäologie des Amazonas. Die durch LiDAR-Technologie enthüllten großdimensionierten Städte und das komplexe Netzwerk aus Dämmen und Kanälen belegen, dass das Amazonas-Tiefland bereits vor Jahrhunderten Schauplatz hochentwickelter, urbaner Zivilisationen war. Diese Erkenntnisse fordern uns auf, den Mythos des „unberührten“ Regenwaldes zu hinterfragen und die Fähigkeit indigener Kulturen zur nachhaltigen Gestaltung ihrer Umwelt neu zu bewerten. Die Arbeit von Forschenden wie Heiko Prümers zeigt exemplarisch, wie innovative Methoden unser Verständnis der Geschichte Amerikas erweitern und vertiefen können.
🔬 Über den Autor: Sandra Vogt – Redaktion · Forschung & Methoden
Wer sich mit der Archäologie Amerikas beschäftigt, stößt immer wieder auf die transformative Kraft neuer Technologien. Die LiDAR-basierte Entdeckung der Casarabe-Siedlungen ist hier ein herausragendes Beispiel, das zeigt, wie die Methodik des Faches unser Bild der Vergangenheit grundlegend verschiebt und alte Mythen widerlegt.
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