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Berliner Anthropologie: Virchow, Boas und das Humboldt Forum

Die Berliner Anthropologie prägte das Fach mit Rudolf Virchow und Franz Boas. Erfahren Sie mehr über die Geschichte, das Ethnologische Museum und die heutige Forschung. →

Berliner Anthropologie: Virchow, Boas und das Humboldt Forum
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2026-07-06

Die Berliner Anthropologie hat eine lange und wechselvolle Geschichte, die tief in der Entwicklung des Faches in Deutschland verwurzelt ist. Von den Gründungsfiguren wie Rudolf Virchow und Adolf Bastian bis hin zu einem der einflussreichsten Kulturanthropologen, Franz Boas, der in Berlin seine wissenschaftliche Prägung erhielt, spielte die Stadt eine zentrale Rolle. Heute setzt sich die Berliner Anthropologie mit neuen Fragen der Provenienzforschung und der Dekolonisierung von Sammlungen auseinander, insbesondere im Kontext des Ethnologischen Museums und des Humboldt Forums.

Kurz zusammengefasst: Die Berliner Anthropologie prägte das Fach maßgeblich durch Persönlichkeiten wie Rudolf Virchow und Franz Boas. Heute steht sie im Fokus der Provenienzforschung und der Dekolonisierung von Museumssammlungen, insbesondere im Humboldt Forum.
📋 Das Wichtigste in Kürze
  • Gründung der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 1869 durch Virchow und Bastian.
  • Franz Boas promovierte 1881 an der Universität Kiel, wurde aber in Berlin sozialisiert und geprägt.
  • Das Ethnologische Museum Berlin, heute Teil des Humboldt Forums, beherbergt über 500.000 Objekte.
  • Aktuelle Diskussionen konzentrieren sich auf die Restitution von Kolonialobjekten und die Provenienzforschung.

Was ist Berliner Anthropologie?

Berliner Anthropologie: Virchow, Boas und das Humboldt Forum – Ein malerischer Blick auf das Berliner Schloss an der Spree…
Foto: Claudia Solano / Pexels

Die Berliner Anthropologie bezeichnet die historische Entwicklung und den aktuellen Forschungsstand der Anthropologie in Berlin. Sie umfasst sowohl die physische Anthropologie als auch die Sozial- und Kulturanthropologie (ehemals Ethnologie). Berlin war im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein wichtiges Zentrum für die Etablierung dieser Disziplinen. Heute prägen Diskussionen um Kolonialismus und die Zukunft ethnologischer Sammlungen die Berliner Anthropologie.

Die Anfänge: Virchow und Bastian

Berliner Anthropologie: Virchow, Boas und das Humboldt Forum
Foto: Esther Höfling

Die modernen anthropologischen Wissenschaften in Berlin nahmen ihren Anfang im 19. Jahrhundert. Zwei prägende Figuren waren Rudolf Virchow und Adolf Bastian. Virchow, ein Mediziner und Pathologe, gründete gemeinsam mit Bastian 1869 die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU). Diese Gesellschaft war maßgeblich an der Förderung von Forschung und der Verbreitung anthropologischen Wissens beteiligt.

Rudolf Virchow (1821-1902) war nicht nur ein brillanter Wissenschaftler, sondern auch ein engagierter Politiker. Seine Arbeiten zur physischen Anthropologie, insbesondere seine Forschungen zu Schädelvermessungen und zur Rassenkunde, waren zu seiner Zeit wegweisend, werden aber heute kritisch im Kontext kolonialer und rassistischer Ideologien betrachtet. Virchow setzte sich für eine empirisch fundierte Wissenschaft ein, die auf genauen Messungen und Beobachtungen basierte. Obwohl er zu seiner Zeit als liberal galt, trugen seine Methoden und Kategorisierungen ungewollt zur Verfestigung rassistischer Stereotypen bei.

Adolf Bastian (1826-1905), ein weitgereister Ethnologe und Mediziner, war der visionäre Gründer des Königlichen Museums für Völkerkunde in Berlin, dem heutigen Ethnologischen Museum. Bastian sammelte auf seinen Reisen weltweit unzählige Objekte und formulierte die Theorie der „Elementargedanken“, die besagt, dass grundlegende menschliche Ideen universell sind und sich in verschiedenen Kulturen manifestieren. Seine Arbeit legte den Grundstein für die vergleichende Ethnologie und beeinflusste Generationen von Forschern. Die Berliner Anthropologie verdankt ihm nicht nur eine der größten ethnologischen Sammlungen der Welt, sondern auch einen frühen Ansatz zur interkulturellen Analyse.

Franz Boas und der Paradigmenwechsel

Berliner Anthropologie: Virchow, Boas und das Humboldt Forum – Schwarzweißfoto der Fassade des Humboldt Forums mit einer S…
Foto: Rumata E / Pexels

Ein weiterer wichtiger Name, der eng mit der Berliner Anthropologie verbunden ist, ist Franz Boas (1858-1942). Obwohl Boas 1881 an der Universität Kiel in Physik promovierte, war es sein Studium in Berlin und seine frühe Begegnung mit den Ideen von Virchow und Bastian, die seine spätere anthropologische Karriere maßgeblich prägten. Boas gilt heute als Vater der modernen amerikanischen Kulturanthropologie und war ein scharfer Kritiker der evolutionistischen und rassistischen Theorien seiner Zeit.

Boas lehnte die Idee einer hierarchischen Einteilung von Kulturen und Rassen ab. Er betonte die Bedeutung des kulturellen Relativismus und des Historismus, indem er argumentierte, dass jede Kultur in ihrem eigenen historischen und sozialen Kontext verstanden werden muss. Seine Feldforschung bei den Inuit und später bei den Kwakiutl in Nordamerika revolutionierte die anthropologische Methodik. Boas‘ Einfluss auf die Berliner Anthropologie, auch wenn er später in den USA wirkte, ist nicht zu unterschätzen, da seine Ideen zur Dekolonisierung des Denkens und zur Anerkennung kultureller Vielfalt bis heute nachwirken.

📜 Forschung und Einordnung

Berliner Anthropologie: Virchow, Boas und das Humboldt Forum
Foto: Ingo Joseph
EINORDNUNG Forschungsstand und offene Fragen

Die Geschichte der Berliner Anthropologie ist geprägt von grundlegenden Debatten, die bis heute nachwirken. Die kritische Auseinandersetzung mit Virchows und Bastians Erbe sowie Boas‘ Einfluss auf das Fach sind zentrale Themen.

1
Historische Verantwortung der Sammlungen: Die Provenienzforschung zu Objekten in Berliner Sammlungen ist eine Daueraufgabe. Viele Exponate wurden im Kolonialkontext erworben, was Fragen nach unrechtmäßigem Erwerb und Restitution aufwirft.
2
Dekolonisierung der Ethnologie: Die Berliner Anthropologie diskutiert aktiv über eine Dekolonisierung des Faches. Dies beinhaltet nicht nur die Rückgabe von Objekten, sondern auch eine kritische Revision der wissenschaftlichen Perspektiven und Narrative.
3
Interdisziplinäre Ansätze im Humboldt Forum: Das Humboldt Forum soll als Ort des Dialogs dienen. Die Berliner Anthropologie ist hier gefordert, neue Formen der Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften zu entwickeln und die Öffentlichkeit einzubeziehen.
4
Kontinuität und Bruch in der Forschung: Die Forschungslinien von Virchow und Bastian werden heute kritisch hinterfragt. Franz Boas‘ frühe Berliner Prägung und sein späterer Bruch mit rassistischen Theorien verdeutlichen den Paradigmenwechsel in der Anthropologie.
📚 FORSCHUNGSSTAND

Der aktuelle Forschungsstand zur Berliner Anthropologie betont die Notwendigkeit einer reflexiven Aufarbeitung der eigenen Geschichte und der kolonialen Verstrickungen. Dies erfordert eine transparente Provenienzforschung und einen kritischen Dialog über die Zukunft ethnologischer Sammlungen.

Das Ethnologische Museum und das Humboldt Forum

Das Ethnologische Museum Berlin, dessen Ursprünge auf Adolf Bastian zurückgehen, ist heute ein zentraler Bestandteil des Humboldt Forums in Berlin-Mitte (Schlossplatz 1, 10178 Berlin). Mit seinen umfangreichen Sammlungen aus Afrika, Asien, Ozeanien und den Amerikas repräsentiert es die globale Dimension der Berliner Anthropologie. Das Forum, das 2020 teilweise und 2021 vollständig eröffnet wurde, ist jedoch auch ein Ort intensiver Debatten über die Herkunft seiner Exponate.

Insbesondere die Benin-Bronzen, die im 19. Jahrhundert durch britische Kolonialtruppen geraubt wurden, stehen im Fokus der Provenienzforschung und der Restitutionsforderungen. Das Humboldt Forum und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der das Ethnologische Museum gehört, haben sich zur Rückgabe dieser Objekte verpflichtet. Diese Prozesse sind komplex und erfordern eine enge Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften. Die Öffnung des Humboldt Forums hat die Diskussionen über die Rolle ethnologischer Museen in einer postkolonialen Welt neu belebt und die Berliner Anthropologie in den Mittelpunkt einer globalen Debatte gerückt.

Die Sammlungen des Ethnologischen Museums umfassen über 500.000 Objekte, darunter herausragende Beispiele altamerikanischer Kulturen, wie die Maya-Sammlung oder Objekte aus dem Inka-Reich. Sie bieten eigenständige Einblicke in die Vielfalt menschlicher Kreativität und Gesellschaftsformen. Die Herausforderung besteht darin, diese Objekte nicht nur wissenschaftlich zu erforschen und zu präsentieren, sondern auch ihre oft problematische Erwerbsgeschichte transparent zu machen und einen fairen Umgang mit den Herkunftsgesellschaften zu finden.

Studium der Anthropologie in Berlin

Wer sich heute für die Berliner Anthropologie interessiert, findet an verschiedenen Berliner Universitäten Studienmöglichkeiten. Das Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der Freien Universität Berlin am Landoltweg 9-11, 14195 Berlin-Dahlem, ist eine der führenden Einrichtungen in Deutschland. Hier können Studierende Bachelor- und Masterstudiengänge in Sozial- und Kulturanthropologie belegen. Die Schwerpunkte liegen auf Themen wie Medical Anthropology, Global Health, Geschlecht und Körper, sowie psychologischer Anthropologie. Die Nähe zu den Sammlungen des Ethnologischen Museums und die vielfältige Forschungslandschaft Berlins bieten den Studierenden ausgezeichnete Bedingungen.

Auch die Humboldt-Universität zu Berlin bietet im Rahmen ihrer philosophischen Fakultät Lehrstühle an, die sich mit anthropologischen Fragestellungen beschäftigen, oft mit einem stärker philosophischen oder historisch-kulturellen Fokus. Ein Altamerikanistik Studium, das sich speziell mit den Kulturen Amerikas vor der europäischen Kolonisation befasst, ist in Berlin zwar nicht als eigenständiger Studiengang etabliert, jedoch finden sich entsprechende Lehrveranstaltungen und Forschungsprojekte an den genannten Instituten. Die interdisziplinäre Ausrichtung der Berliner Universitäten ermöglicht es, anthropologische Fragestellungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und sich mit den aktuellen Debatten des Faches auseinanderzusetzen.

Institution Schwerpunkte Standort
Freie Universität Berlin, Institut für Sozial- und Kulturanthropologie Medical Anthropology, Global Health, Geschlecht, Psychologische Anthropologie Landoltweg 9-11, 14195 Berlin-Dahlem
Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät Philosophische Anthropologie, Kulturgeschichte, Ethik Unter den Linden 6, 10117 Berlin-Mitte
Humboldt Forum (Ethnologisches Museum) Ethnologische Sammlungen, Provenienzforschung, Dekolonisierung Schlossplatz 1, 10178 Berlin-Mitte

Häufige Fragen

Was ist die Berliner Gesellschaft für Anthropologie?

Die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU) wurde 1869 von Rudolf Virchow und Adolf Bastian gegründet. Sie ist eine wissenschaftliche Vereinigung, die sich der Förderung von Forschung und der Verbreitung von Wissen in den Bereichen Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte widmet. Die Gesellschaft veranstaltet regelmäßig Vorträge und Diskussionen und gibt Publikationen heraus, die den aktuellen Forschungsstand widerspiegeln.

Kann man in Berlin Anthropologie studieren?

Ja, Sie können in Berlin Anthropologie studieren. Die Freie Universität Berlin bietet beispielsweise Bachelor- und Masterstudiengänge in Sozial- und Kulturanthropologie an. Diese Studiengänge profitieren von der reichen Forschungslandschaft Berlins, den gut sortierten Bibliotheken und den Sammlungen des Ethnologischen Museums. Die multidisziplinären Ansätze ermöglichen es den Studierenden, sich intensiv mit den vielschichtigen Fragen der Berliner Anthropologie auseinanderzusetzen.

Welche Rolle spielt das Humboldt Forum für die Berliner Anthropologie?

Das Humboldt Forum beherbergt das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst, deren Sammlungen für die Berliner Anthropologie von zentraler Bedeutung sind. Es ist ein Ort der Präsentation, Forschung und des Dialogs über globale Kulturen. Gleichzeitig steht es im Zentrum der Diskussionen über die koloniale Vergangenheit der Sammlungen und die Notwendigkeit der Provenienzforschung und Restitution, wodurch es eine wichtige Rolle in der Neuausrichtung des Faches spielt.

Wer war Franz Boas und welche Verbindung hatte er zu Berlin?

Franz Boas, oft als Vater der modernen amerikanischen Kulturanthropologie bezeichnet, promovierte zwar in Kiel, erhielt aber wesentliche Impulse für seine anthropologische Arbeit während seiner Studienzeit in Berlin. Hier kam er mit den Ideen von Rudolf Virchow und Adolf Bastian in Kontakt, die seine frühe wissenschaftliche Entwicklung prägten. Boas‘ spätere Kritik an rassistischen Theorien und sein Engagement für den kulturellen Relativismus fanden ihren Ursprung auch in dieser frühen Berliner Phase.

Was genau macht ein Anthropologe?

Ein Anthropologe erforscht den Menschen in all seinen Dimensionen – biologisch, sozial und kulturell. Physische Anthropologen untersuchen die menschliche Evolution und biologische Vielfalt, während Sozial- und Kulturanthropologen menschliche Gesellschaften, Kulturen, Verhaltensweisen und Glaubenssysteme analysieren. Sie führen Feldforschung durch, analysieren Daten und tragen dazu bei, die Komplexität menschlicher Existenz und Interaktion zu verstehen. In Berlin sind diese Forschungsbereiche eng mit der Geschichte der Berliner Anthropologie verbunden.

🏁 Fazit: Berliner Anthropologie

Die Berliner Anthropologie ist ein bemerkenswertes Feld, das von einer reichen Geschichte und bedeutenden Persönlichkeiten geprägt ist. Von den wegweisenden Arbeiten Rudolf Virchows und Adolf Bastians bis hin zum prägenden Einfluss Franz Boas‘ hat Berlin maßgeblich zur Entwicklung der Anthropologie beigetragen. Heute steht das Fach in Berlin vor der wichtigen Aufgabe, seine koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten und einen neuen, dekolonialen Weg zu beschreiten. Wer sich mit den Kulturen der Welt und der Geschichte ihrer Erforschung auseinandersetzen möchte, findet in der Berliner Anthropologie ein dynamisches und diskussionsreiches Feld.

🔬 Über den Autor: Sandra Vogt – Redaktion · Forschung & Methoden
Wer sich mit der Geschichte der Wissenschaft beschäftigt, stößt in Berlin auf ein reiches, aber auch problematisches Erbe. Die kritische Auseinandersetzung mit der Berliner Anthropologie im Kontext von Virchow und Boas zeigt, wie wichtig es ist, historische Forschungen immer wieder neu zu bewerten und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen zu reflektieren.
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