Die sogenannten Internierungsschulen, in den USA oft als Indian Boarding Schools und in Kanada als Residential Schools bezeichnet, stellen ein dunkles Kapitel in der Geschichte Nordamerikas dar. Von den späten 1870er-Jahren bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zwangen diese Einrichtungen indigene Kinder zur Assimilation an die euro-amerikanische Kultur. Das erklärte Ziel, zusammengefasst in dem berüchtigten Satz „Kill the Indian, save the man“ (Töte den Indianer, rette den Menschen), führte zu einem systematischen kulturellen Genozid, dessen Folgen bis heute spürbar sind.
- Über 350 Internierungsschulen existierten in den USA und Kanada, die Hunderttausende indigener Kinder aufnahmen.
- Das System begann in den USA um 1879 mit der Carlisle Indian Industrial School.
- Indigenen Kindern wurde die eigene Sprache, Religion und Kultur verboten, was zu tiefgreifendem Trauma führte.
- In Kanada wurden über 150.000 indigene Kinder in Residential Schools untergebracht.
- Die Truth and Reconciliation Commission of Canada (TRC) bezeichnete das System 2015 als „kulturellen Genozid“.
Was sind Internierungsschulen?

Internierungsschulen waren staatlich oder kirchlich geführte Einrichtungen in Nordamerika, deren Hauptziel die erzwungene Assimilation indigener Kinder war. Sie wurden geschaffen, um indigene Kinder aus ihren Familien und Kulturen zu reißen und sie in die euro-amerikanische Gesellschaft zu integrieren. Dies geschah durch die Unterdrückung ihrer Sprachen, Traditionen und spirituellen Praktiken, oft unter Anwendung von Gewalt und Missbrauch.
Geschichte und Philosophie der Assimilation
Die Idee der Internierungsschulen in den USA geht auf das späte 19. Jahrhundert zurück. Ein zentraler Protagonist dieser Bewegung war Richard Henry Pratt, der 1879 die Carlisle Indian Industrial School in Pennsylvania gründete. Pratts Credo „Kill the Indian, save the man“ wurde zur Leitlinie des gesamten Systems. Es sah vor, indigene Kinder physisch und psychisch von ihrer Kultur zu trennen, um sie zu „zivilisieren“. Die Kinder wurden oft gewaltsam aus ihren Familien gerissen, weit weg von ihren Reservationen geschickt und dort in einer fremden Umgebung untergebracht. Die Schulen waren in der Regel militärisch organisiert. Die Kinder mussten ihre traditionelle Kleidung ablegen, ihre Haare schneiden und bekamen neue, englische Namen. Ihnen wurde das Sprechen ihrer Muttersprache verboten – oft unter Androhung und Anwendung körperlicher Strafen. Stattdessen sollten sie Englisch lernen und sich westlichen Werten und Religionen anpassen. Der Lehrplan konzentrierte sich auf handwerkliche Fähigkeiten für Jungen und hauswirtschaftliche Tätigkeiten für Mädchen, die sie auf ein Leben als Dienstboten oder Arbeiter in der weißen Gesellschaft vorbereiten sollten. Diese Art der „Umerziehung“ sollte die indigene Identität vollständig auslöschen und die Kinder in die amerikanische Gesellschaft assimilieren. Ein ähnliches System wurde in Kanada mit den Residential Schools etabliert, die oft von kirchlichen Organisationen betrieben wurden.Alltag und Trauma in den Internierungsschulen

Kanadische Residential Schools und die Aufarbeitung
In Kanada wurden die Residential Schools von den 1870er-Jahren bis 1996 betrieben und spielten eine vergleichbare Rolle wie die Internierungsschulen in den USA. Über 150.000 indigene Kinder der First Nations, Inuit und Métis wurden in diese Schulen gezwungen. Die Erfahrungen der Kinder waren oft traumatisch, geprägt von Missbrauch, Vernachlässigung und kultureller Entfremdung. Die kanadische Regierung hat in den letzten Jahrzehnten Schritte zur Aufarbeitung unternommen. Im Jahr 2008 entschuldigte sich Premierminister Stephen Harper offiziell im Namen der kanadischen Regierung bei den Überlebenden. Die 2008 eingesetzte Truth and Reconciliation Commission of Canada (TRC) untersuchte das System der Residential Schools umfassend. Ihr Abschlussbericht von 2015 dokumentierte das Ausmaß des Leidens und bezeichnete die Politik der Residential Schools als „kulturellen Genozid“. Der Bericht forderte 94 Handlungsempfehlungen, darunter die Suche nach unmarkierten Gräbern, die Aufklärung der Öffentlichkeit und die Stärkung indigener Sprachen und Kulturen. Die Aufarbeitung ist ein langwieriger Prozess, der von den indigenen Völkern Kanadas weiterhin vorangetrieben wird.Aktuelle Funde und die Forderung nach Gerechtigkeit
Die Arbeit der TRC und der indigenen Gemeinschaften führte in den letzten Jahren zu erschütternden Entdeckungen. Seit 2021 wurden auf den Geländen ehemaliger Residential Schools in Kanada Hunderte von unmarkierten Gräbern gefunden, in denen die Überreste indigener Kinder liegen. Diese Funde, beginnend mit der ehemaligen Kamloops Indian Residential School in British Columbia, haben weltweit Bestürzung ausgelöst und die Forderungen nach weiterer Aufklärung und Gerechtigkeit verstärkt. Die genaue Zahl der in diesen Schulen verstorbenen Kinder ist nach wie vor unbekannt, aber Schätzungen gehen von Tausenden aus. Auch in den USA verstärkt sich der Druck, die Geschichte der Indian Boarding Schools umfassend aufzuarbeiten. Im Jahr 2021 startete das US-Innenministerium eine eigene Initiative zur Untersuchung der Schulen und der Auswirkungen auf indigene Gemeinschaften. Die Suche nach unmarkierten Gräbern und die Identifizierung der dort begrabenen Kinder ist eine zentrale Aufgabe. Indigene Organisationen und Überlebende fordern finanzielle Entschädigungen, die Rückgabe von Land und die Anerkennung des kulturellen Genozids. Die Aufarbeitung der Internierungsschulen ist ein entscheidender Schritt zur Heilung und Versöhnung mit den indigenen Völkern Nordamerikas.📜 Forschung und Einordnung
Die Geschichte der Internierungsschulen in Nordamerika ist ein komplexes Feld, das von einem multidisziplinären Ansatz geprägt ist. Die Forschung beleuchtet sowohl historische Fakten als auch die tiefgreifenden sozialen und psychologischen Auswirkungen auf indigene Gemeinschaften.
Die Forschung ist sich einig, dass das System der Internierungsschulen einen kulturellen Genozid darstellt. Offene Fragen betreffen weiterhin die genaue Zahl der Opfer, die vollständige Dokumentation aller Schulen und die effektive Umsetzung von Gerechtigkeits- und Versöhnungsmaßnahmen, die von indigenen Gemeinschaften als angemessen erachtet werden.
Häufige Fragen
Was war das Ziel der Internierungsschulen?
Das primäre Ziel der Internierungsschulen war die erzwungene Assimilation indigener Kinder in die euro-amerikanische Gesellschaft. Man wollte ihre indigene Identität, Sprache, Religion und Kultur auslöschen und sie zu „zivilisierten“ Bürgern machen. Richard Henry Pratts berühmtes Zitat „Kill the Indian, save the man“ fasst diese Philosophie zusammen. Die Kinder sollten ihre Herkunft vergessen und sich den Werten und Normen der dominanten Gesellschaft anpassen.
Wie viele indigene Kinder waren von Internierungsschulen betroffen?
Schätzungen zufolge waren Hunderttausende indigener Kinder in den USA und Kanada von den Internierungsschulen betroffen. In Kanada wurden über 150.000 Kinder in Residential Schools untergebracht. Für die USA gibt es keine exakte Zahl, aber es wird von einer ähnlich hohen Zahl ausgegangen, da das System dort noch länger bestand. Viele dieser Kinder starben in den Schulen, und die genaue Zahl der Opfer ist bis heute unbekannt.
Was bedeutet „kultureller Genozid“ im Kontext der Internierungsschulen?
Der Begriff „kultureller Genozid“ wurde von der Truth and Reconciliation Commission of Canada (TRC) verwendet, um die Auswirkungen der kanadischen Residential Schools zu beschreiben. Er bezieht sich auf die systematische Zerstörung der kulturellen Identität, Sprache und Lebensweise eines Volkes. Im Fall der Internierungsschulen geschah dies durch das Verbot indigener Sprachen, die Unterdrückung spiritueller Praktiken, die Trennung von Familien und die erzwungene Indoktrination in westliche Werte, was die indigene Kultur von Grund auf zu zerstören versuchte.
Welche Rolle spielte die Kirche bei den Internierungsschulen?
In beiden Ländern, insbesondere aber in Kanada, spielten kirchliche Organisationen eine maßgebliche Rolle beim Betrieb der Internierungsschulen. Katholische, anglikanische, methodistische und presbyterianische Kirchen betrieben einen Großteil dieser Einrichtungen, oft im Auftrag der Regierung. Sie waren maßgeblich an der Umsetzung der Assimilationspolitik beteiligt und sind heute für viele der Missbräuche und Traumata mitverantwortlich. Die Kirchen wurden für ihre Rolle kritisiert und haben sich teilweise entschuldigt.
Was sind die Folgen des Traumas der Internierungsschulen für indigene Gemeinschaften?
Die Folgen des Traumas der Internierungsschulen sind weitreichend und bis heute in indigenen Gemeinschaften spürbar. Sie umfassen intergenerationelles Trauma, den Verlust von Sprachen und kulturellem Wissen, hohe Raten von psychischen Erkrankungen wie Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt und Suizid. Auch der Verlust der Elternschaftsfähigkeit und die Zerstörung familiärer Bindungen sind direkte Auswirkungen, die sich über Generationen fortsetzen.
Quellen & Literatur
- National Centre for Truth and Reconciliation (NCTR), University of Manitoba: Reports of the Truth and Reconciliation Commission of Canada
- U.S. Department of the Interior: Federal Indian Boarding School Initiative Investigative Report
- National Museum of the American Indian (NMAI), Smithsonian: Boarding Schools
- Adams, David Wallace. Education for Extinction: American Indians and the Boarding School Experience, 1875-1928. University Press of Kansas, 1995.
- Milloy, John S. A National Crime: The Canadian Government and the Residential School System, 1879 to 1986. University of Manitoba Press, 1999.
🏁 Fazit: Ein dunkles Erbe, das Aufarbeitung fordert
Die Internierungsschulen in Nordamerika repräsentieren ein tiefgreifendes Unrecht, das indigene Völker über Generationen hinweg geprägt hat. Die systematische Zerstörung kultureller Identität, die Gewalt und die Entfremdung haben Wunden hinterlassen, die bis heute heilen müssen. Die aktuellen Funde von Massengräbern in Kanada und die verstärkte Aufarbeitung in den USA sind notwendige Schritte, um die Wahrheit ans Licht zu bringen und Gerechtigkeit für die Opfer und ihre Nachkommen zu schaffen.
🌳 Über den Autor: Tobias Klamm – Redaktion · Indigene Gegenwart
Wer sich mit der indigenen Gegenwart beschäftigt, stößt unweigerlich auf die komplexen Nachwirkungen kolonialer Politik. Die detaillierten Berichte der Truth and Reconciliation Commission of Canada liefern hierfür eine unverzichtbare Grundlage, die weit über oberflächliche Darstellungen hinausgeht.
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