Die Stratigraphie ist ein grundlegendes Prinzip in der Archäologie, das es Forschenden ermöglicht, die zeitliche Abfolge von Funden und Befunden zu rekonstruieren. Diese Methode, die ursprünglich aus der Geologie stammt, ist unerlässlich, um die Geschichte menschlicher Aktivitäten in Schichten des Bodens zu entschlüsseln. Ohne die präzise Anwendung der Stratigraphie wäre eine sinnvolle Einordnung archäologischer Entdeckungen kaum möglich.
- Die Stratigraphie ist das Fundament der relativen Datierung in der Archäologie.
- Sie basiert auf Nicolaus Stenos Prinzip der Superposition von 1669.
- Die Harris Matrix visualisiert komplexe Schichtabfolgen und deren Beziehungen.
- Pioniere in Amerika wie Max Uhle und Manuel Gamio etablierten die Methode im frühen 20. Jahrhundert.
- Die Phasenanalyse ordnet Befunde in zeitliche Einheiten ein, um kulturelle Veränderungen zu erkennen.
| Begriff | Definition | Bedeutung für Stratigraphie |
|---|---|---|
| Stratum | Einzelne Schicht im Boden | Grundbaustein der stratigraphischen Analyse |
| Superposition | Jüngere Schichten liegen auf älteren | Stenos Gesetz, Basis der relativen Datierung |
| Kontext | Raum-zeitliche Beziehung von Funden und Befunden | Entscheidend für Interpretation der Schichten |
| Harris Matrix | Diagramm zur Visualisierung der Schichtbeziehungen | Organisiert komplexe stratigraphische Daten |
Ein Stratum (Plural: Strata) bezeichnet eine einzelne, abgrenzbare Schicht innerhalb einer archäologischen oder geologischen Abfolge. Es ist die kleinste räumlich-zeitliche Einheit, die bei einer Ausgrabung unterschieden werden kann und durch ihre physikalischen Eigenschaften (Farbe, Textur, Zusammensetzung) oder durch kulturelle Inhalte definiert wird.
Jedes Stratum repräsentiert eine bestimmte Zeitspanne, in der Material abgelagert oder verändert wurde. Die Analyse der Strata und ihrer Beziehungen zueinander ermöglicht die Rekonstruktion der Chronologie eines Ortes und der dort stattgefundenen menschlichen Aktivitäten.
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Stratum – die einzelne Schicht•
Strata – der Plural von Stratum•
Stratigraphie – die Lehre von den Schichten
Grundlagen der Stratigraphie: Stenos Gesetz und die Harris Matrix

Die Stratigraphie in der Archäologie beruht auf fundamentalen Prinzipien, die erstmals vom dänischen Naturforscher Nicolaus Steno (1638–1686) im 17. Jahrhundert formuliert wurden. Sein „Gesetz der Superposition“ besagt, dass in einer ungestörten Abfolge von Schichten die älteren Schichten stets unter den jüngeren liegen. Dieses scheinbar einfache Prinzip bildet die Basis für jede relative Datierung archäologischer Funde und Befunde.
Darüber hinaus sind Stenos weitere Gesetze der ursprünglichen Horizontalität (Schichten werden ursprünglich horizontal abgelagert) und der lateralen Kontinuität (Schichten erstrecken sich seitlich, bis sie ausdünnen oder auf ein Hindernis treffen) essenziell. Diese geologischen Beobachtungen sind direkt auf archäologische Kontexte übertragbar, da menschliche Ablagerungen wie Siedlungsschichten, Abfallgruben oder Gräber ebenfalls Schicht für Schicht entstehen und sich überlagern.
Die Archäologie unterscheidet grundlegend zwischen zwei Ansätzen zur zeitlichen Einordnung von Funden: der relativen und der absoluten Datierung. Beide Methoden sind komplementär und für eine umfassende Chronologie unerlässlich.
Diese Methode bestimmt die zeitliche Abfolge von Ereignissen oder Objekten zueinander, ohne ein konkretes Kalenderdatum zu nennen. Sie basiert auf Prinzipien wie der Stratigraphie, Typologie oder Seriation.
Diese Methoden liefern konkrete Kalenderdaten oder Zeitspannen in Jahren (z.B. v. Chr., n. Chr., cal BP). Beispiele sind die Radiokarbonmethode, Dendrochronologie oder die Kalium-Argon-Datierung.
Relative Datierungen sind oft der erste Schritt, um eine chronologische Struktur zu schaffen. Absolute Datierungen verfeinern diese Struktur, indem sie konkrete Zeitpunkte liefern. Beide sind notwendig, um archäologische Befunde umfassend zu verstehen und in einen globalen Kontext zu stellen.
Die Umsetzung des Schichtprinzips wird jedoch komplex, wenn es um Störungen wie Gruben, Pfostenlöcher oder Mauern geht, die ältere Schichten durchschneiden oder überdecken. Hier kommt die Harris Matrix ins Spiel, ein von Edward C. Harris (geb. 1946) in den 1970er Jahren entwickeltes System. Die Harris Matrix ist ein Diagramm, das die stratigraphischen Beziehungen zwischen allen Befunden und Fundschichten auf einer Grabungsfläche visualisiert. Jeder Befund (z.B. eine Mauer, eine Grube, eine Schicht) erhält eine eindeutige Nummer und wird in ein Netz von „früher als“, „später als“ und „gleichzeitig mit“ Beziehungen eingeordnet. Dies ermöglicht eine logisch korrekte Rekonstruktion der Abfolge, selbst bei komplexen Überlagerungen und Durchschneidungen.
📜 Forschung und Einordnung

Die Stratigraphie ist seit ihrer Etablierung durch Steno und ihrer Verfeinerung durch Harris ein Eckpfeiler der Archäologie. Ihre Anwendung und die Interpretation der Ergebnisse entwickeln sich jedoch stetig weiter.
Trotz ihrer langen Geschichte bleibt die Stratigraphie ein dynamisches Forschungsfeld. Aktuelle Diskussionen konzentrieren sich auf die Standardisierung der Dokumentation und die Integration verschiedener Datierungsmethoden, um eine noch robustere Chronologie für archäologische Stätten weltweit zu schaffen.
Stratigraphie in der Archäologie Amerikas

In der Archäologie Amerikas spielte die Stratigraphie eine entscheidende Rolle bei der Etablierung chronologischer Rahmenwerke und dem Verständnis der komplexen Kulturen des Kontinents. Von den frühesten Besiedlungen bis zu den Hochkulturen des Andenraums und Mesoamerikas lieferte die Schichtanalyse die Grundlage für unser heutiges Wissen.
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Die Bedeutung der Stratigraphie wurde in Amerika bereits früh erkannt. Max Uhle (1856–1944), ein deutscher Archäologe, gilt als Pionier der modernen Andenarchäologie, der Ende des 19. Jahrhunderts in Peru und Ecuador systematisch stratigraphische Grabungen durchführte. Er konnte anhand der Schichtabfolge die Abfolge präkolumbischer Kulturen (wie Nazca, Moche und Chimú) vor den Inka etablieren. Auch Manuel Gamio (1883–1960) in Mexiko nutzte die Stratigraphie in den 1910er Jahren, um die Chronologie der Kulturen im Tal von Mexiko zu klären und die Abfolge von Teotihuacán bis zu den Azteken zu entschlüsseln.
Genauigkeit und Grenzen der Stratigraphie
Die Genauigkeit der Stratigraphie hängt maßgeblich von der sorgfältigen Dokumentation und der Erkennung von Störungen ab. Während sie eine exzellente relative Chronologie liefert, kann sie keine absoluten Jahreszahlen liefern. Hier kommt die Kombination mit naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden ins Spiel. Durch die Analyse von Proben aus stratigraphisch gesicherten Schichten mit Methoden wie der Radiokarbonmethode können absolute Daten gewonnen werden, die die relative Abfolge kalibrieren.
Bayessche Modellierung: Aus Einzeldaten wird eine Chronologie
In der modernen Archäologie ist die bayessche Modellierung zu einem Standardwerkzeug geworden, um Radiokarbondaten und stratigraphische Informationen zu kombinieren. Dieses statistische Verfahren ermöglicht es, die Wahrscheinlichkeitsverteilungen einzelner Datierungen zu verfeinern, indem man Vorinformationen aus der Schichtabfolge in die Berechnung einbezieht.
Softwarepakete wie OxCal, entwickelt an der University of Oxford, sind hierfür unverzichtbar. Sie nutzen die Prinzipien der bayesschen Statistik, um aus einer Reihe von Radiokarbondaten, die in einer bestimmten stratigraphischen Reihenfolge gefunden wurden, eine deutlich präzisere und engere chronologische Abfolge zu erstellen, als es mit Einzeldatierungen möglich wäre.
Für die Archäologie Amerikas, wo oft nur wenige organische Materialien für die Radiokarbondatierung zur Verfügung stehen, ist diese Methode besonders wertvoll. Sie maximiert den Informationsgehalt aus den vorhandenen Daten und führt zu robusten Chronologien, die für das Verständnis kultureller Entwicklungen unerlässlich sind.
Eine weitere wichtige Methode ist die Phasenanalyse. Hierbei werden einzelne Befunde und Schichten zu größeren, zeitlich zusammengehörigen Einheiten, den Phasen, zusammengefasst. Eine Phase kann beispielsweise eine Bauperiode, eine Nutzungsperiode oder eine Zerstörungsschicht darstellen. Diese Abstraktionsebene hilft Archäologen, über die reine Schichtabfolge hinauszugehen und kulturelle Prozesse und Veränderungen im Zeitverlauf zu interpretieren. So können etwa Phasen von Blütezeiten, Kriegen oder klimatischen Veränderungen in den archäologischen Daten sichtbar gemacht werden.
Hintergrund und Geschichte der Stratigraphie
Die Geschichte der Stratigraphie reicht weit über die Archäologie hinaus. Ihre Wurzeln liegen in der Geologie des 17. Jahrhunderts. Nicolaus Steno legte mit seinen Prinzipien den Grundstein für das Verständnis der Erdgeschichte. Es dauerte jedoch bis ins 19. und frühe 20. Jahrhundert, bis diese geologischen Prinzipien systematisch auf archäologische Ausgrabungen angewendet wurden. Pioniere wie Augustus Pitt Rivers (1827–1900) in England und William Matthew Flinders Petrie (1853–1942) in Ägypten begannen, die sorgfältige Dokumentation von Schichtabfolgen als entscheidend für die Datierung von Funden zu erkennen.
In Amerika trugen, wie bereits erwähnt, Max Uhle und Manuel Gamio maßgeblich zur Etablierung stratigraphischer Arbeitsweisen bei. Ihre systematischen Grabungen revolutionierten das Verständnis der präkolumbischen Chronologien. Heute ist die Stratigraphie ein universelles Werkzeug der Archäologie, das in jeder Grabung angewendet wird, um die zeitliche Einordnung von Funden und Befunden zu gewährleisten. Ohne sie wäre die Rekonstruktion menschlicher Geschichte aus den Überresten im Boden nicht möglich.
Häufige Fragen
Was ist Stratigraphie?
Stratigraphie ist die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Untersuchung und Interpretation von Schichtabfolgen im Boden befasst. In der Archäologie dient sie dazu, die relative Chronologie von Funden und Befunden zu rekonstruieren, indem sie das Prinzip der Superposition anwendet: Jüngere Schichten liegen auf älteren. Diese Methode ist fundamental, um die zeitliche Entwicklung menschlicher Siedlungen und Aktivitäten zu verstehen und zu datieren.
Wie funktioniert Stratigraphie in der Archäologie?
Die Stratigraphie funktioniert, indem Archäologen die verschiedenen Schichten (Strata) und Befunde (z.B. Mauern, Gruben) einer Grabungsfläche sorgfältig dokumentieren. Sie identifizieren die physikalischen Eigenschaften jeder Schicht und ihre Beziehungen zueinander (z.B. Überlagerung, Durchschneidung). Basierend auf Stenos Gesetz der Superposition wird dann eine relative Chronologie erstellt. Werkzeuge wie die Harris Matrix helfen dabei, diese komplexen Beziehungen systematisch zu erfassen und eine logische Abfolge zu visualisieren.
Was ist das stratigraphische Prinzip?
Das stratigraphische Prinzip, auch als Gesetz der Superposition bekannt, ist das zentrale Grundgesetz der Stratigraphie. Es besagt, dass in einer ungestörten Abfolge von Schichten die unterste Schicht die älteste ist und jede darüber liegende Schicht jünger ist als die darunterliegende. Dieses Prinzip, das auf Nicolaus Steno zurückgeht, ermöglicht es, die relative Zeitabfolge von archäologischen Ablagerungen zu bestimmen, ohne auf absolute Datierungen angewiesen zu sein.
Was ist die Harris Matrix und wofür wird sie verwendet?
Die Harris Matrix ist ein grafisches System, das von Edward C. Harris entwickelt wurde, um die stratigraphischen Beziehungen auf einer archäologischen Ausgrabung systematisch darzustellen. Sie visualisiert die „früher als“, „später als“ und „gleichzeitig mit“ Beziehungen zwischen allen Befunden und Schichten einer Grabungsfläche. Die Matrix ist besonders nützlich bei komplexen Fundplätzen mit vielen Störungen und Überlagerungen, da sie eine logisch korrekte Rekonstruktion der Abfolge gewährleistet und Fehler in der Interpretation reduziert.
Welche Rolle spielt die Stratigraphie in der präkolumbischen Archäologie Amerikas?
In der präkolumbischen Archäologie Amerikas war die Stratigraphie entscheidend, um die Chronologie der verschiedenen Kulturen zu etablieren. Pioniere wie Max Uhle in den Anden und Manuel Gamio in Mesoamerika nutzten systematische Schichtgrabungen, um die Abfolge von Kulturen wie Nazca, Moche, Chimú oder die Entwicklung von Teotihuacán bis zu den Azteken zu entschlüsseln. Ohne die Stratigraphie wäre die komplexe zeitliche Einordnung der amerikanischen Hochkulturen und ihrer Vorgänger nicht möglich gewesen.
🏁 Fazit: Stratigraphie als Rückgrat der Archäologie
Die Stratigraphie ist und bleibt das unverzichtbare Rückgrat der Archäologie. Sie bietet die methodische Grundlage für die zeitliche Einordnung aller Funde und Befunde und ermöglicht es, die menschliche Geschichte Schicht für Schicht zu rekonstruieren. Durch die Kombination mit modernen absoluten Datierungsmethoden und bayesscher Modellierung wird ihre Präzision kontinuierlich verbessert, um ein immer detaillierteres Bild unserer Vergangenheit zu zeichnen.
🔬 Über den Autor: Sandra Vogt – Redaktion · Forschung & Methoden
Wer sich mit der Chronologie archäologischer Funde beschäftigt, stößt unweigerlich auf die entscheidende Rolle der Stratigraphie. Die systematische Dokumentation und Analyse von Schichtabfolgen, wie sie Edward C. Harris mit seiner Matrix in den 1970er Jahren standardisierte, bleibt die Basis für jede seriöse Rekonstruktion unserer Vergangenheit.
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