Der Codex Nuttall, auch bekannt als Codex Zouche-Nuttall, ist eine der bemerkenswertsten erhaltenen präkolumbischen Bilderhandschriften Mesoamerikas. Diese kunstvolle Dokumentation der mixtekischen Kultur bietet tiefgreifende Einblicke in die Genealogie und politischen Biografien der Mixteken-Herrscher, insbesondere des legendären Kriegers 8 Hirsch Jaguarklaue. Seine Seiten sind ein Zeugnis einer hochentwickelten Zivilisation, deren Geschichte und Weltanschauung durch Piktogramme und Symbole überliefert wurden.
- Der Codex Nuttall besteht aus 47 beidseitig bemalten Seiten.
- Er ist aus Hirschleder gefertigt und akkordeonartig gefaltet, mit einer Gesamtlänge von rund 11,2 Metern.
- Die Handschrift entstand vermutlich im 14. Jahrhundert in der Mixteca Alta, Oaxaca.
- Zentrale Figur ist der Krieger 8 Hirsch Jaguarklaue, dessen Leben von 1063 bis 1115 n. Chr. dokumentiert wird.
- Der Codex Nuttall befindet sich seit 1917 in der Sammlung des British Museum in London.
- Zelia Nuttall veröffentlichte 1902 die erste vollständige Faksimile-Ausgabe.
Was ist der Codex Nuttall?

Der Codex Nuttall ist eine von nur wenigen erhaltenen präkolumbischen Bilderhandschriften der Mixteken. Er ist ein visueller Bericht, der mithilfe eines komplexen Systems aus Piktogrammen, Ideogrammen und Phonogrammen die Geschichte und Genealogie der mixtekischen Herrscherdynastien im heutigen Oaxaca, Mexiko, erzählt. Die Handschrift ist auf sorgfältig präpariertem Hirschleder gemalt und in einem eigenständigen Akkordeon-Stil gefaltet, was ihre Betrachtung als fortlaufendes narratives Band ermöglicht. Die detaillierten Illustrationen und die präzise Anordnung der Symbole machen den Codex Nuttall zu einer unverzichtbaren Quelle für das Verständnis der mixtekischen Kultur, ihrer politischen Strukturen und religiösen Vorstellungen vor der Ankunft der Europäer.
Geschichte und Benennung

Der Codex Nuttall hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Er entstand vermutlich im 14. Jahrhundert in der Mixteca Alta, einer Region im heutigen mexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Nach der spanischen Eroberung gelangte die Handschrift im 16. Jahrhundert nach Europa. Ihre genaue Reise ist nur lückenhaft dokumentiert, doch sie verbrachte lange Zeit in privaten Sammlungen, darunter die des Barons Zouche of Harynworth in England.
Ihren heute gebräuchlichen Namen erhielt die Handschrift zu Ehren der amerikanischen Archäologin und Anthropologin Zelia Nuttall (1858-1933). Sie war eine Pionierin der mesoamerikanischen Forschung und veröffentlichte 1902 die erste vollständige Faksimile-Ausgabe des Codex. Diese Publikation ermöglichte es Wissenschaftlern weltweit, die komplexen Bildtexte zu studieren und trug maßgeblich zur Entschlüsselung der mixtekischen Schriftsysteme bei. Seit 1917 befindet sich der Codex Nuttall offiziell in der Sammlung des British Museum in London, wo er als eines der wertvollsten Objekte der präkolumbischen Abteilung aufbewahrt wird.
📜 Forschung und Einordnung

Die Erforschung des Codex Nuttall hat maßgeblich zum Verständnis der mixtekischen Bilderschrift und Geschichte beigetragen. Dennoch bleiben spezifische Interpretationen einzelner Szenen und die genaue Chronologie von Herrschaftszeiten Gegenstand wissenschaftlicher Debatten.
Die Forschung zum Codex Nuttall konzentriert sich weiterhin auf die Feinheiten der mixtekischen Ikonographie und die Rekonstruktion der politischen Landschaft der Mixteca Alta. Offene Fragen betreffen oft die genaue Interpretation seltener Symbole und die Auswirkungen der spanischen Eroberung auf die Überlieferung dieser Handschriften.
Aufbau und Materialien

Der Codex Nuttall ist ein beeindruckendes Beispiel präkolumbischer Buchkunst. Die Handschrift besteht aus 47 Seiten, die beidseitig bemalt sind und eine Gesamtlänge von etwa 11,2 Metern erreichen. Das Material ist sorgfältig präpariertes Hirschleder, das mit einer feinen Gesso-Schicht aus Kalziumkarbonat überzogen wurde, um eine glatte Malfläche zu schaffen. Diese Oberfläche wurde dann mit mineralischen und pflanzlichen Pigmenten bemalt, die eine lebendige Farbpalette erzeugten. Die Farben, darunter Rot, Gelb, Blau, Grün und Schwarz, sind auch nach Jahrhunderten noch erstaunlich gut erhalten.
Die Seiten sind akkordeonartig gefaltet, was den Codex zu einem Leporello macht, das sich wie ein langer Streifen entfalten lässt. Diese Form ermöglichte es, die narrative Abfolge der Ereignisse linear darzustellen. Die Lesung erfolgt in der Regel von rechts nach links und von unten nach oben, wobei die Leser den Codex Blatt für Blatt entfalten. Schutzkappen aus Holz oder Leder schützten die äußeren Seiten der Handschrift vor Beschädigungen, wenn sie zusammengefaltet war.
Die Erzählung von 8 Hirsch Jaguarklaue
Die zentrale Figur im Codex Nuttall ist der legendäre mixtekische Krieger und Herrscher 8 Hirsch Jaguarklaue (mixtekisch: Iya Nacuaa Teyusi Ñaña). Sein Leben, das von 1063 bis 1115 n. Chr. datiert wird, nimmt einen Großteil der Erzählung ein. Der Codex schildert seine Geburt, seine militärischen Eroberungen, politischen Allianzen und rituellen Handlungen. 8 Hirsch war bekannt für seine Fähigkeit, verschiedene mixtekische Stadtstaaten zu vereinen und ein kleines Reich aufzubauen, das die politische Landschaft seiner Zeit prägte.
Besondere Aufmerksamkeit widmet der Codex den Schlachten und Opferungen, die 8 Hirsch durchführte, um seine Macht zu festigen. Er war einer der wenigen mixtekischen Herrscher, der durch die Heirat mit einer Tolteken-Prinzessin eine Verbindung zu der prestigeträchtigen Dynastie von Tula herstellte, was ihm zusätzliche Legitimität verlieh. Sein Tod, der ebenfalls im Codex dargestellt wird, markierte einen Wendepunkt in der mixtekischen Geschichte. Die detaillierte Darstellung seines Lebens macht den Codex Nuttall zu einer eigenständigen Biografie aus präkolumbischer Zeit.
Inhaltliche Schwerpunkte des Codex
Neben der Biografie von 8 Hirsch Jaguarklaue behandelt der Codex Nuttall eine Vielzahl weiterer Themen, die für die mixtekische Kultur von Bedeutung waren. Dazu gehören:
| Thema | Beschreibung | Relevanz |
|---|---|---|
| Genealogie | Stammbäume und Abstammungslinien mixtekischer Herrscherfamilien, oft über mehrere Generationen. | Legitimation der Herrschaft, Nachweis von Allianzen. |
| Kriegsführung | Darstellung von Schlachten, Eroberungen und der Unterwerfung feindlicher Stadtstaaten. | Verherrlichung militärischer Erfolge, Demonstration von Macht. |
| Rituale | Szenen von Opferungen, Festen und religiösen Zeremonien. | Einblicke in die religiösen Praktiken und Weltanschauung. |
| Politische Allianzen | Heiratsallianzen zwischen Herrscherhäusern zur Festigung von Beziehungen. | Strategische Bündnisse zur Erweiterung des Einflusses. |
Diese Inhalte sind nicht nur von historischem Interesse, sondern bieten auch wertvolle Informationen über die soziale Organisation, die religiösen Überzeugungen und die politischen Dynamiken der Mixteken. Der Codex Nuttall zeigt, wie komplex und nuanciert die präkolumbischen Gesellschaften strukturiert waren.
Heutige Bedeutung und Zugang
Der Codex Nuttall ist heute eine der wichtigsten Quellen für die präkolumbische Geschichte und Kultur der Mixteken. Seine detailreichen Illustrationen und die narrative Struktur ermöglichen es Forschern, die Geschichte und sozialen Strukturen einer Zivilisation zu rekonstruieren, die ansonsten nur durch archäologische Funde bekannt wäre. Er dient als primäre Quelle für die Chronologie mixtekischer Herrscher und die politischen Beziehungen zwischen den Stadtstaaten der Mixteca Alta.
Dank moderner Digitalisierungsprojekte ist der Codex Nuttall heute auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Das British Museum hat eine hochauflösende digitale Version online gestellt, die es Interessierten ermöglicht, die Handschrift Seite für Seite zu erkunden und die kunstvollen Details zu studieren. Dies fördert nicht nur die akademische Forschung, sondern auch das kulturelle Bewusstsein für das reiche Erbe der indigenen Völker Mesoamerikas.
Verwandte mixtekische Codices
Der Codex Nuttall ist Teil einer größeren Gruppe von mixtekischen Bilderhandschriften, die alle wertvolle Informationen über die präkolumbische Geschichte und Kultur liefern. Einige der bekanntesten verwandten Codices sind:
- Codex Vindobonensis Mexicanus I: Eine weitere wichtige Handschrift, die sich auf Rituale und die Entstehung der mixtekischen Kosmologie konzentriert. Er befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.
- Codex Colombino: Der einzige präkolumbische Codex, der heute noch in Mexiko verbleibt. Er erzählt ebenfalls Teile der Geschichte von 8 Hirsch Jaguarklaue und ist im Museo Nacional de Antropología in Mexiko-Stadt ausgestellt.
- Codex Becker I und II: Diese beiden Fragmente ergänzen die Erzählungen des Codex Colombino und geben weitere Einblicke in die Genealogie und militärischen Ereignisse.
- Codex Bodley: Eine Handschrift, die sich auf die Genealogie der Herrscher von Tilantongo und andere mixtekische Dynastien konzentriert. Er befindet sich in der Bodleian Library in Oxford.
Zusammen bilden diese Codices ein beeindruckendes Korpus an präkolumbischen Texten, die ein tiefes Verständnis der mixtekischen Zivilisation ermöglichen und zeigen, wie komplex und miteinander verbunden die Geschichten und Genealogien dieser Völker waren.
Was ist das Besondere am Codex Nuttall?
Das Besondere am Codex Nuttall ist seine detaillierte und farbenprächtige Darstellung der mixtekischen Geschichte und Genealogie in einer präkolumbischen Bilderhandschrift. Er ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch eine wichtige historische Quelle, die das Leben und die Taten von Herrschern wie 8 Hirsch Jaguarklaue dokumentiert. Die Akkordeon-Faltung und die beidseitige Bemalung auf Hirschleder sind technische Meisterleistungen ihrer Zeit, die den Codex Nuttall zu einem eigenständigen Zeugnis der mixtekischen Kultur machen. Er liefert tiefe Einblicke in politische Allianzen, Kriegsführung und religiöse Rituale.
Woher stammt der Codex Nuttall ursprünglich?
Der Codex Nuttall stammt ursprünglich aus der Mixteca Alta, einer Hochlandregion im heutigen mexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Dort wurde er vermutlich im 14. Jahrhundert von mixtekischen Schreibern und Künstlern angefertigt. Die Mixteken waren bekannt für ihre komplexen Schriftsysteme und die Produktion solcher Bilderhandschriften, die als wichtige historische und rituelle Dokumente dienten. Nach der spanischen Eroberung gelangte der Codex in den Besitz europäischer Sammler, bevor er im British Museum seine endgültige Heimat fand.
Wer war 8 Hirsch Jaguarklaue?
8 Hirsch Jaguarklaue war ein mächtiger mixtekischer Krieger und Herrscher, dessen Lebensspanne von 1063 bis 1115 n. Chr. reicht. Er ist die zentrale Figur im Codex Nuttall. Der Codex beschreibt seine militärischen Eroberungen, politischen Allianzen und seine Bemühungen, verschiedene mixtekische Stadtstaaten unter seiner Herrschaft zu vereinen. Seine Geschichte ist von großer Bedeutung für das Verständnis der politischen Entwicklungen in der Mixteca Alta vor der Ankunft der Spanier. Seine Heirat mit einer Tolteken-Prinzessin wird ebenfalls im Codex Nuttall als wichtiger strategischer Schritt dargestellt.
Wie wird der Codex Nuttall heute erforscht?
Der Codex Nuttall wird heute mithilfe multidisziplinärer Ansätze erforscht. Epigraphiker und Linguisten analysieren die Bilderschrift und ihre phonetischen sowie ideographischen Elemente. Historiker und Archäologen vergleichen die im Codex dargestellten Ereignisse mit archäologischen Funden und anderen historischen Dokumenten, um die Chronologie und die politischen Kontexte zu verifizieren. Die Digitalisierung des Codex ermöglicht zudem den Einsatz computergestützter Analysemethoden, um Muster in der Ikonographie und der narrativen Struktur zu identifizieren. Forscher wie Maarten Jansen und Gabina Aurora Pérez Jiménez haben maßgebliche Beiträge zur Lesung und Interpretation geleistet.
Wo kann ich den Codex Nuttall online einsehen?
Sie können den Codex Nuttall online auf der Website des British Museum in London einsehen. Das Museum hat eine hochauflösende digitale Version der Handschrift zur Verfügung gestellt, die es ermöglicht, jede einzelne Seite detailgetreu zu betrachten. Dies ist eine hervorragende Möglichkeit für Interessierte und Forscher, sich mit diesem eigenständigen Dokument der mixtekischen Kultur auseinanderzusetzen, ohne physisch in London sein zu müssen. Die digitale Verfügbarkeit fördert das Verständnis und die Wertschätzung dieses präkolumbischen Erbes weltweit.
Quellen & Literatur
- Wikipedia: Codex Nuttall
- British Museum: Codex Zouche-Nuttall
- FAMSI: Codex Zouche-Nuttall
- Jansen, Maarten E.R.G.N. & Pérez Jiménez, Gabina Aurora. Codex Zouche-Nuttall: A New Reading. British Museum Press, 2008.
- Nuttall, Zelia. Codex Nuttall; facsimile of an ancient Mexican codex belonging to Lord Zouche of Harynworth, England. Peabody Museum of American Archaeology and Ethnology, 1902.
🏁 Fazit: Codex Nuttall als Fenster zur Mixteken-Geschichte
Der Codex Nuttall ist weit mehr als nur eine alte Bilderhandschrift; er ist ein lebendiges Zeugnis der mixtekischen Zivilisation, das Einblicke in ihre Geschichte, Genealogie und Weltanschauung bietet. Die detaillierte Erzählung des Lebens von 8 Hirsch Jaguarklaue und die präzise Dokumentation politischer und ritueller Ereignisse machen ihn zu einer unverzichtbaren Quelle für die präkolumbische Forschung. Auch heute noch inspiriert der Codex Nuttall Wissenschaftler und Kulturinteressierte gleichermaßen, sich mit dem reichen Erbe Mesoamerikas auseinanderzusetzen.
🗿 Über den Autor: Lukas Reuter – Chefredaktion · Mesoamerika
Wer sich mit präkolumbischen Bilderhandschriften wie dem Codex Nuttall beschäftigt, erkennt schnell die immense Leistung der mixtekischen Schreiber. Die komplexen Genealogien und Lebensgeschichten von Herrschern wie 8 Hirsch Jaguarklaue, die in diesen Dokumenten festgehalten sind, bieten ein eigenständiges Fenster in die politische und soziale Welt Mesoamerikas vor der spanischen Eroberung.
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