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Sprachen und Schriften der Hochkulturen Amerikas

Vier Schriftsysteme, Dutzende Sprachfamilien, ein bis heute lebendiges sprachliches Erbe – ein Überblick.

Hinweis: Dieser Beitrag bietet einen populärwissenschaftlichen Überblick. Die genannten Theorien und Datierungen entsprechen dem aktuellen Forschungsstand und können sich durch neue Erkenntnisse ändern.
Antwort in Kürze

Die Hochkulturen Amerikas entwickelten vier Hauptschriftsysteme: die Maya-Hieroglyphen (logographisch-silbisch, ca. 800 Zeichen), die aztekische Bilderschrift (Nahuatl, semasiografisch), die zapotekische Schrift (frühste Mesoamerikas) und die Inka-Quipus (Knotenaufzeichnungen). Heute sprechen über 25 Millionen Menschen in Amerika eine indigene Sprache – allen voran Quechua, Maya und Nahuatl.

Eine der hartnäckigen Fehlannahmen über die Hochkulturen Amerikas ist die Vorstellung, sie hätten keine Schriften gehabt. Tatsächlich entwickelten Mesoamerika und Anden mehrere voll funktionsfähige Aufzeichnungssysteme – einige davon mit der Komplexität ägyptischer Hieroglyphen oder mesopotamischer Keilschrift.

1. Die Maya-Hieroglyphen

Die Maya-Schrift ist das einzige vollständig entwickelte Schriftsystem des präkolumbischen Amerika. Sie ist logographisch-silbisch: Manche Zeichen stehen für ganze Wörter (Logogramme), andere für Silben (Silbenzeichen). Das Inventar umfasst etwa 800 verschiedene Glyphen, von denen rund 250 in regelmässigem Gebrauch waren.

Die Entzifferung

Die Entzifferung der Maya-Schrift ist eine der spannendsten Wissenschaftsgeschichten des 20. Jahrhunderts. Drei Etappen:

  • Diego de Landa (16. Jh.): Bischof von Yucatán, ironischerweise einer der grössten Vernichter von Maya-Codices, hinterliess aber das „Alphabet“ – einen ersten Schlüssel.
  • Ernst Förstemann (19. Jh.): Entzifferte die Kalender-Mathematik in den überlieferten Codices.
  • Yuri Knorozov (1952): Sowjetischer Linguist, durchbrach den entscheidenden Knoten: die Schrift ist phonetisch-silbisch.
  • Linda Schele, David Stuart, Heinrich Berlin u.a. entzifferten ab den 1960er Jahren historische Inschriften: Namen von Königen, Daten von Kriegen, Heiratsallianzen.

Heute sind über 90 % der erhaltenen Maya-Inschriften lesbar. Die Texte erzählen Familiengeschichten, Schlachten, Krönungen, Ballspiele. Sie sind die einzige indigene Quelle Mesoamerikas, die uns historische Personennamen und konkrete Ereignisse überliefert.

2. Die aztekische Bilderschrift

Die Mexica und ihre Nachbarn (Mixteken, Tlaxkalteken) verwendeten eine andersartige Bilderschrift. Sie ist semasiografisch: ein Zeichen steht für ein Konzept, oft ergänzt durch ikonische Hinweise auf den Klang. Im Gegensatz zur Maya-Schrift kann sie nicht eins zu eins gelesen werden – sie ist eher eine Mischung aus Bilderzählung und mnemotechnischer Schrift.

Aufzeichnungen finden sich in Codices – Bilderhandschriften auf Hirschhautstreifen oder Pflanzenfaserpapier. Erhalten sind nur wenige präkolumbische Originale; die meisten heute existierenden Codices stammen aus der frühen Kolonialzeit (Codex Mendoza, Codex Borbonicus, Florentine Codex).

3. Die zapotekische Schrift

Die zapotekische Schrift – auf Stelen in Monte Albán seit ca. 500 v. Chr. – ist möglicherweise die älteste Schrift Mesoamerikas. Sie ist nur teilweise entziffert. Das Mexica-System scheint von ihr beeinflusst.

4. Die Quipus der Inka

Im Andenraum sah die Aufzeichnungstradition anders aus. Statt Schrift auf Tafeln und Häuten verwendeten die Inka Quipus – farbige Knotenschnüre an einer Hauptschnur.

Quipus speichern Information durch:

  • Position der Knoten an der Schnur (Stellenwert, dezimal)
  • Form der Knoten (Einfach-, Zopfknoten)
  • Farbe der Schnüre
  • Material (Baumwolle, Wolle)
  • Drehrichtung der Verzwirbelung (S- oder Z-Drehung)

Es ist gesichert, dass Quipus Volkszählungen, Tributregister, Lagerbestände und Genealogien speichern konnten. Ob sie auch narrative Inhalte – Mythen, Geschichten – kodieren konnten, ist seit Jahrzehnten umstritten. Sabine Hyland (2017) glaubt, in Quipu-Dokumenten der Region San Juan de Collata Hinweise auf phonetische Kodierung gefunden zu haben. Die Forschung läuft.

Lebendige Sprachen heute

Die meisten dieser Schriftsysteme wurden mit der Kolonisation aufgegeben oder zerstört. Doch die Sprachen, die sie zur Aufzeichnung brachten, leben weiter:

  • Quechua – ca. 8 Millionen Sprecher in Peru, Bolivien, Ecuador. Offizielle Sprache in Bolivien und Peru.
  • Maya-Sprachen (zusammen) – ca. 6 Millionen. Mehrere offizielle Sprachen in Guatemala.
  • Aymara – ca. 3 Millionen, vor allem Bolivien.
  • Guaraní – ca. 6 Millionen, gleichberechtigte Amtssprache in Paraguay.
  • Nahuatl – ca. 1,7 Millionen in Mexiko.

Wer eine indigene Sprache lernen will: Quechua-Online-Kurse gibt es bei der PUCP (Lima), Tirawa (Cusco), und der UNAM (Mexiko). Nahuatl-Kurse bietet z.B. die Universität Yale an. Maya-Sprachen werden in der ALMG (Academia de Lenguas Mayas de Guatemala) gepflegt.

Häufige Fragen

Hatten die Maya eine echte Schrift?

Ja, die Maya entwickelten ein vollständiges logographisch-silbisches Schriftsystem mit etwa 800 verschiedenen Zeichen. Es ist das einzige vollständig entwickelte Schriftsystem des präkolumbischen Amerika. Heute sind über 90 % der erhaltenen Inschriften entziffert.

Was sind Quipus?

Quipus sind farbige Knotenschnüre, die im Inka-Reich der Aufzeichnung dienten. Sie konnten Volkszählungen, Tributabgaben und Bestände speichern – ob auch narrative Inhalte, ist Forschungsdiskussion.

Welche indigene Sprache wird heute am meisten gesprochen?

Im präkolumbisch geprägten Amerika sind Quechua (ca. 8 Mio.), Guaraní (ca. 6 Mio.) und die Maya-Sprachen zusammen (ca. 6 Mio.) am stärksten verbreitet.

Quellen & Literatur

  • Coe, Michael D. (1992): Breaking the Maya Code.
  • Houston, Stephen / Martin, Simon (2004): The First Writing.
  • Urton, Gary (2003): Signs of the Inka Khipu.
  • Hyland, Sabine (2017): Writing with Twisted Cords. The Inscriptive Capacity of Andean Khipus.
Über die Autorin/den Autor

Marlene Hoffmann

Redaktion · Andenraum & Sprachen

Lernt seit acht Jahren Quechua. Schwerpunkt: Andenraum und indigene Sprachen Südamerikas.

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