Wenn deutsche Medien über „die Maya“ oder „die Inka“ sprechen, klingt das oft, als sei das Vergangenheit. Als seien diese Völker von der Bildfläche verschwunden, übrig nur als Touristenattraktion und Forschungsobjekt. Diese Sicht ist falsch – und sie ist Teil eines kolonialen Erbes.
Wie viele indigene Menschen gibt es?
Die Zahlen variieren je nach Definition (Selbstidentifikation, Sprachkenntnis, ethnische Abstammung), aber gross gerechnet leben heute zwischen 50 und 60 Millionen indigene Menschen in Amerika. Die wichtigsten Schwerpunktländer:
| Land | Indigene Bevölkerung (geschätzt) | Anteil |
|---|---|---|
| Bolivien | ~6 Mio. | ~62 % |
| Guatemala | ~6 Mio. | ~41 % |
| Peru | ~6 Mio. | ~26 % |
| Mexiko | ~17 Mio. | ~21 % |
| Ecuador | ~1,1 Mio. | ~7 % |
| USA / Kanada | ~6,7 Mio. | ~2 % |
| Brasilien | ~1,7 Mio. | ~0,8 % |
Sprachen
Über die Hälfte der heute existierenden Sprachfamilien Amerikas sind indigen. Die grössten Sprachgemeinschaften:
- Quechua – ca. 8 Mio. Sprecher in Peru, Bolivien, Ecuador
- Maya-Sprachen (zusammen) – ca. 6 Mio. (vor allem K’iche‘, Q’eqchi‘, Kaqchikel, Yukatekisch)
- Aymara – ca. 3 Mio. in Bolivien, Peru, Chile
- Guaraní – ca. 6 Mio., offizielle Sprache in Paraguay
- Nahuatl – ca. 1,7 Mio. in Mexiko
- Mapudungun – ca. 250.000 Sprecher (Mapuche, Chile/Argentinien)
Doch der UNESCO Atlas of the World’s Languages in Danger listet mehr als 200 indigene Sprachen Amerikas als gefährdet oder kritisch bedroht. Sprachprogramme, zweisprachige Schulen und Selbstorganisation indigener Gemeinden sind Schlüsselinstrumente, um diese Sprachen zu retten.
Politische Bewegungen
CONAIE (Ecuador)
Die Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador ist die wichtigste indigene Dachorganisation Ecuadors. Gegründet 1986, organisiert sie über ein Dutzend Nationalitäten (Kichwa, Shuar, Achuar, Tsachila u.a.). CONAIE hat die ecuadorianische Politik wiederholt geprägt – durch Aufstände 1990, 2000, 2019, 2022. Ihre Forderungen umfassen Plurinationalität, Bildungsrechte, Gegnerschaft zu Bergbau- und Erdölprojekten in indigenen Territorien.
CIDOB (Bolivien)
Die Confederación de Pueblos Indígenas de Bolivia vertritt die Tieflands-Indigenen Boliviens. Sie war 1990 zusammen mit der bolivianischen Tieflands-Demonstration „Marsch für Würde und Territorium“ zentral für die Anerkennung indigener Gebietsrechte.
APIB (Brasilien)
Die Articulação dos Povos Indígenas do Brasil ist die Dachorganisation der brasilianischen Indigenen. Sie kämpft seit Jahren gegen Eingriffe in indigene Territorien, illegalen Bergbau und die Aushöhlung der Verfassungsrechte unter Bolsonaro. Cacique Raoni und Sonia Guajajara sind international bekannte Stimmen.
EZLN (Mexiko)
Die Ejército Zapatista de Liberación Nacional erlangte 1994 mit dem Aufstand in Chiapas internationale Aufmerksamkeit. Auch wenn die Zapatistas heute weniger im Rampenlicht stehen, betreiben sie autonome Gemeinden mit eigenen Schulen, Gesundheitswesen und politischen Strukturen.
Sumak Kawsay / Suma Qamaña
Eines der konzeptuell interessantesten politischen Phänomene des 21. Jahrhunderts in Lateinamerika: das aus dem Quechua bzw. Aymara stammende Konzept Sumak Kawsay (Quechua) bzw. Suma Qamaña (Aymara), häufig übersetzt als „das gute Leben“ (Buen Vivir).
Es bezeichnet ein Lebenskonzept, das Mensch, Natur und Gemeinschaft als untrennbar miteinander verbunden sieht – im scharfen Gegensatz zum westlichen Wachstums- und Konsumparadigma. Ecuador (2008) und Bolivien (2009) haben Sumak Kawsay/Suma Qamaña als Verfassungsprinzip verankert. Wie weit das in der Praxis umgesetzt wird, ist umstritten – beide Länder fördern parallel grossflächigen Rohstoffabbau in indigenen Territorien.
Brennpunkte der Gegenwart
Yanomami im Amazonas
Die Yanomami in Brasilien und Venezuela leiden unter eingedrungenen Garimpeiros (illegalen Goldsuchern). Allein während der Bolsonaro-Jahre starben hunderte Yanomami-Kinder an Mangelernährung und Krankheiten – Folge der Vertreibung von Subsistenz-Land und der Kontamination der Flüsse mit Quecksilber. Die Lula-Regierung hat ab 2023 begonnen, Garimpeiros aus dem Yanomami-Territorium zu verdrängen, doch die Lage bleibt kritisch.
Mapuche in Chile und Argentinien
Die Mapuche sind die grösste indigene Gruppe Chiles (über 1,7 Mio.). Sie kämpfen seit 150 Jahren um Anerkennung ihrer Landrechte, die im 19. Jahrhundert vom chilenischen Staat (im sogenannten „Pacificación de la Araucanía“) gewaltsam beendet wurden. Die Konflikte um Forstwirtschaftsflächen, Staudammprojekte und Anti-Terrorgesetze dauern bis heute.
Standing Rock und Protect the Sacred (USA)
2016 wurde Standing Rock (North Dakota, USA) zum globalen Symbol indigenen Widerstands. Die Sioux protestierten gegen die Dakota Access Pipeline, die ihr heiliges Wasser bedrohte. Tausende Verbündete reisten an, der Konflikt wurde zur grössten indigenen Bewegung Nordamerikas seit dem Wounded Knee-Vorfall 1973.
Was zu tun ist
Aus europäischer Perspektive lassen sich drei sinnvolle Anknüpfungspunkte nennen:
- Hinhören: Statt indigene Stimmen interpretieren zu lassen, sie selbst lesen. Die Bücher von Rigoberta Menchú, Davi Kopenawa, Aílton Krenak, Eduardo Galeano sind ein Anfang.
- Konsumkritisch sein: Soja-, Rinderfleisch-, Holz-, Sojaöl- und Lithium-Importe aus Lateinamerika finanzieren oft die Verdrängung indigener Völker. Wer die Zusammenhänge kennt, kann anders konsumieren.
- Bildungsarbeit: Indigene Themen gehören in Schule, Hochschule, Medien. Magazine wie iae-bonn.de versuchen, einen Beitrag zu leisten.
Quellen & Literatur
- CONAIE - Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador
- APIB - Articulação dos Povos Indígenas do Brasil
- Survival International
- UNESCO Atlas of the World's Languages in Danger
- Acosta, Alberto (2013): Buen Vivir / Sumak Kawsay – Eine Chance für eine andere Welt.
- Krenak, Aílton (2019): Ideias para adiar o fim do mundo.