Der Begriff „Azteken“ ist eine Kompromissbezeichnung. Das Volk, das zwischen 1325 und 1521 das Tal von Mexiko dominierte, nannte sich selbst Mexica – daraus leitet sich auch der Name Mexikos ab. „Azteken“ wurde im 19. Jahrhundert von Alexander von Humboldt populär gemacht und meint die Bewohner des mythischen Herkunftsorts Aztlán.
Herkunft und Wanderung

Nach eigener Überlieferung kamen die Mexica aus Aztlán im Norden Mexikos. Im 13. Jahrhundert wanderten sie ins Tal von Mexiko ein – als ärmliche Migranten, die von den dort etablierten Stadtstaaten verachtet wurden. Sie verdingten sich als Söldner, dienten dem Königreich von Culhuacán und wurden mehrfach vertrieben.
Der Legende nach erhielten sie ein Zeichen ihres Stammesgottes Huitzilopochtli: Sie sollten sich dort niederlassen, wo sie einen Adler auf einem Kaktus mit einer Schlange im Schnabel sähen. Dieses Zeichen fanden sie 1325 auf einer Insel im Texcoco-See. Hier gründeten sie Tenochtitlán – das Motiv ziert bis heute die mexikanische Flagge.
Tenochtitlán – die Inselstadt
Was als armseliges Lager auf einer Schlammbank begann, wurde innerhalb von zwei Jahrhunderten zu einer der grössten Städte der Welt. Bei der Ankunft der Spanier hatte Tenochtitlán schätzungsweise 200.000 Einwohner – mehr als jede europäische Hauptstadt der Zeit.
Die Stadt war auf vier riesigen Causeways mit dem Festland verbunden. Ein ausgeklügeltes System von Aquädukten lieferte Süsswasser. Chinampas – schwimmende Gärten – machten die Mexica zu Selbstversorgern: Auf flachen, im See verankerten Beeten wuchsen Mais, Bohnen, Tomaten, Chili. Im Zentrum der Stadt erhob sich der Templo Mayor, eine doppelte Pyramide für Huitzilopochtli und den Regengott Tlaloc.
Das Dreierbündnis

Im Jahr 1428 schlossen Tenochtitlán, das benachbarte Texcoco und das kleinere Tlacopan unter Führung des Königs Itzcóatl ein Bündnis – die Excan Tlatoloyan, das Dreierbündnis. Tenochtitlán wurde dabei rasch zum dominierenden Partner.
Die folgenden 90 Jahre waren eine Periode beispielloser Expansion. Unter Itzcóatl, Moctezuma I., Axayacatl, Tizoc, Ahuitzotl und schliesslich Moctezuma II. dehnte das Bündnis seine Herrschaft über weite Teile Zentralmexikos aus. Es war kein Reich im europäischen Sinn, sondern ein Tributsystem: unterworfene Städte zahlten regelmässig Abgaben (Mais, Kakao, Stoffe, Federn, Edelmetalle), behielten aber lokale Autonomie. Der Codex Mendoza dokumentiert die Tributzahlungen detailliert.
Religion und Menschenopfer
Das aztekische Pantheon ist gross und komplex. Hauptgottheiten:
- Huitzilopochtli – Sonnen- und Kriegsgott, Stammesgott der Mexica
- Tlaloc – Regen- und Fruchtbarkeitsgott
- Quetzalcoatl – die „gefiederte Schlange“, Gott des Windes und Wissens
- Tezcatlipoca – „rauchender Spiegel“, Gott des Schicksals
- Coatlicue – Erdgöttin, Mutter Huitzilopochtlis
Das wohl umstrittenste Thema der Aztekenforschung sind die Menschenopfer. Tatsächlich praktizierten die Mexica rituelle Tötungen in grossem Umfang – die meisten Opfer waren Kriegsgefangene aus den sogenannten Blumenkriegen. Doch Anzahl, Bedeutung und Funktion dieser Praktiken werden in der Forschung intensiv diskutiert. Frühe spanische Berichte übertrieben aus politischen Gründen; moderne archäologische Forschung (z.B. die Ausgrabungen am Templo Mayor) gibt ein differenzierteres Bild.
Gesellschaftsordnung
Die aztekische Gesellschaft war streng hierarchisch:
- Tlatoani – der „Sprecher“, Herrscher
- Pipiltin – Adel, Beamte, Priester
- Pochteca – Fernhändler, eigene soziale Gruppe mit Sonderrechten
- Macehualtin – Bauern, Handwerker, freie Bürger
- Tlacotin – Sklaven (oft auf Zeit, durch Schuldknechtschaft)
Die Eroberung 1519–1521
Im April 1519 landete Hernán Cortés mit etwa 600 Männern an der Golfküste. Was folgte, war eine zweijährige Verkettung diplomatischer Manöver, Bündnisse mit aztekenfeindlichen Stadtstaaten (Tlaxcala!), Kriege, Verrat und Krankheit.
Im November 1519 zog Cortés in Tenochtitlán ein und nahm Moctezuma II. in Geiselhaft. 1520 musste er die Stadt verlassen (Noche Triste), kehrte aber 1521 mit verstärktem Bündnisheer zurück. Nach achtzigtägiger Belagerung kapitulierte Tenochtitlán am 13. August 1521. Der letzte Tlatoani, Cuauhtémoc, wurde gefangen und 1525 hingerichtet.
Entscheidend für die schnelle Eroberung waren nicht nur die spanischen Waffen. Mindestens ebenso wichtig waren die indigenen Bündnispartner (allen voran Tlaxcala, mit zehntausenden Kriegern) und die eingeschleppten Krankheiten – Pocken dezimierten die Bevölkerung der Stadt während der Belagerung.
Erbe
Tenochtitlán wurde von den Spaniern abgerissen und auf seinen Trümmern Mexico City errichtet. Doch die Mexica verschwanden nicht. Nahuatl ist bis heute die meistgesprochene indigene Sprache Mexikos – über 1,7 Millionen Menschen sprechen sie. Die Stadt Mexico und die mexikanische Identität sind tief von aztekischem Erbe geprägt: vom Adler-Schlange-Wappen über Nahuatl-Lehnwörter (Schokolade, Tomate, Avocado, Coyote) bis zur Verehrung der Virgen de Guadalupe, deren Erscheinungsort am Tepeyac in vorspanischer Zeit ein Heiligtum der Coatlicue war.
Quellen & Literatur
- Smith, Michael E. (2012): The Aztecs. 3. Aufl., Wiley-Blackwell.
- Townsend, Camilla (2019): Fifth Sun. A New History of the Aztecs.
- Restall, Matthew (2018): When Montezuma Met Cortés. The True Story of the Meeting that Changed History.
- Codex Mendoza (Faksimile-Edition mit Übersetzung)
- López Luján, Leonardo: Templo Mayor Forschungsprojekt INAH